Leitung: Katja Egler & Saskia Schmitt

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KulturImpuls I Rentnerhopsing

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- Ich-habe-Rücken.
- Aber sie sind doch erst vierunzwan-
- Ja Herr Orthopäde, das isses ja!
- Machen Sie Sport?
- Ich fahre Fahrrad!
- ...
- ...
- Machen Sie Sport?
- Nö.
- Das isses ja.
- Hm.
- Hm.
- Können Sie nicht doch-
- Fein. Wir röntgen das mal


Zweieinhalb Stunden und 5x Max Giesinger aus dem Wartezimmerradio später.


- So, schauen wir uns das mal an... Hm... Jaja. Interessant.
- Was?
- Hm.
- Waaaaaaas?
- Heeeeerzlichen Glückwunsch! Sie haben Schwung in Ihr Leben bekommen!
Er ließ eine Pause, damit ich lachen konnte.
-
...
Ich lachte nicht.
-
Ssssschwung in Ihr Leben!
- ...?
- Sie haben Skoliose, Knick in der Wirbelsäule, nicht besonders schlimm, Sie bekommen Rehasport, 50 Termine undjetztTschau!


Bevor ich fragen konnte, ob das ansteckend ist, hat mich Herr Orthopäde schon vor die Tür geschoben und die Jalousien runtergelassen. Ich nahm mir fest vor, beim nächsten Mal zu lachen.


Zweieinhalb Wochen und 15 Max Giesinger Ohrwürmer später. Ich stehe hochmotiviert vorm Rehazentrum. Schwungvoll öffnete ich die Tür (mittlerweile hatte ich den Bombengag des Orthopäden verstanden) und im Raum purzelten die Jahre. Rehasport. Hätte ich mir auch denken können.

Nichts da mit süßen SpoHos - ab nächster Woche in Jogger und ungeschminkt.

Als ich die Umkleide betrat, verstummten die Gespräche. „Die ist doch noch viel zu jung!“, flüsterte Gerlinde Frieda zu. Dass der Raum nur 6m² groß war und MEIN Gehör noch grandios funktionierte, vergaßen sie wohl. Ich lächelte ihnen zu und verkniff mir eine Träne.

Tag eins und schon von Rentnern gemobbt worden. Macht jetzt schon Spaß.

Drinnen standen alle im Kreis. Ich reihte mich ein. Physisch. Der Trainer sprach:

„So, wir wärmen uns auf. Wir fangen damit an unsere Arme zu schwingen. Vor und zurück. Vor... und zurück. Schwing, schwung. Haha! Dann drehen wir unsere Handgelenke. Liiiiinks rum. Und jetzt reeeechts ruuuuum. Links rum und... links rum! Ha! Da hab ich mich selbst überrascht. Haha!“

Omis lachten und liefen rot an. Die Aufwärmung könnten sie an dieser Stelle eigentlich schon abbrechen.

„Und nun stellen wir uns aufs rechte Bein und... Ballons. Manfred, Hände weg von der Wand! Nicht schummeln!... Und zum Abschluss schütteln wir uns noch mal aus. Schüttel, schüttel. Schäik it. Haha! Sehr gut. So, es kann losgehen.“

Die Rentner schwärmten aus. Frieda griff selbstbewusst zum Gymnastikball und Hilde und Manfred prügelten sich um die letzte Jogamatte. Hans lachte nur, während er sich auf seiner Matte niederließ, die er schon vor der Erwärmung mit einem Handtuch reserviert hatte. Der hat wohl schon so einige Poolurlaube hinter sich, dachte ich. Oder 30 Jahre Reha. Eins von beidem.

Bevor ich rüber zu Hans gehen konnte um ihm eine Reha-Buddyschaft anzubieten, stand der Trainer vor mir. „Bentje! Schön, dass du da bist! Ich bin Steffen.“. Aber anstatt meinen Handschlag zu erwidern, begutachtete er bereits meinen Rücken. „So, schauen wir uns das mal an... Hm... Jaja. Interessant.“. Super, noch so‘n Witzbold. „Wir erstellen dir gleich mal einen Trainingsplan. Machst du Sport?“ – „Ich fahre Faaaahnnnööö.“.

pixabay / Bentje Staack

Ich bekam acht Übungen. Übungen mit Seil, mit Matte (Hans leihte mir seine, wir wurden also doch Reha-Buddies) und mit einem halben Gymnastikball. Ja, halb. „So, als würde ein Gymnastikball in einem Portal feststecken.“ – „Haha!“. Steffen fand mich witzig, die anderen nicht (wegen des Alters, nicht wegen des Witzes). Hans setzte zu einem Mitleidslacher an, bekam aber einen Hustenanfall und musste von Steffen an die frische Luft gebracht werden. Lieber keine Witze mehr machen, nicht dass beim nächsten Mal jemand einen Herzinfarkt bekommt (wegen des Witzes, nicht wegen des Alters).

Und so lag ich da. Eingereiht zwischen Frieda (links) und Gerlinde (rechts). Die Übung: von einer Seite auf die andere drehen. Also drehte ich mich nach links. Und nach rechts. Nach Frieda. Nach Gerlinde. Happy face. Sad face. Gerlinde bekam letzteres (das war die Rache für die Mobbingattacke in der Umkleide vorhin).

Sie ging bei Steffen petzen, war mir aber egal.

Fünfundvierzig Minuten und nur 2x Max Giesinger aus dem Reharadio später. Ich-fühlte-mich-gut! Irgendwie... schwungvoll. Herr Orthopäde wäre stolz auf mich (nicht wegen des Sports, wegen des Witzes).

Auf dem Nachhauseweg setzte ich Hans vorm Altenheim ab und zum Dank schenkte er mir seine Apotheken Umschau. Die Kreuzworträtsel waren schon alle gelöst, das war ihm etwas peinlich, aber mich störte das nicht. Mit einem happy face schwing, schwung ich mich auf mein Faaaahnnnööö und freute mich auf die 49 Rentnerhopsings, die noch vor mir lagen.
Wer braucht schon SpoHos.

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