Leitung: Katja Egler & Saskia Schmitt

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„Juhuuuuuuuuuuulllliiiiaaaaaaaaa!!!“

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Fast klingt der Ruf der Amme nach Julia wie das „Rooooooobäääääärrrt“ der Millionärsgattin Carmen Geiss: Leicht prollig, schräg und modern - Attribute, die in der aktuellen Inszenierung von Shakespeares „Romeo und Julia“ von Pinar Karabulut am Schauspiel Köln immer wieder in den Vordergrund rücken.

Kristin Steffen als Julia und Thomas Brandt als Romeo
Kraft Angerer
Kristin Steffen als Julia und Thomas Brandt als Romeo

Das Depot 1 in Köln-Mühlheim umgibt ein bestimmtes Flair. So, wie es hergerichtet wurde, strahlt es etwas Urbanes, etwas Szeniges, etwas Hippes und Provisorisches aus. Und trotzdem (oder gerade deswegen) vergisst man nicht, dass man in Köln ist. Da passt es also gut, dass der Maskenball der Capulets in der am Sonntag dort stattgefundenen Premiere von „Romeo und Julia“ wie eine Technoparty an Karneval daherkommt. Wie im Rausch tanzen Shakespeares Charaktere schon direkt zu Beginn der Inszenierung kostümiert und voneinander isoliert in Glaskabinen vor sich hin. Dazu gibt es Techno-Licht, Techno-Mucke und Nebel.

Vor dem bühnenfüllenden Glaskasten mit den Kabinen findet sie dann statt, die Begegnung aller Begegnungen: Romeo trifft auf seine Julia! Alles andere im Hintergrund läuft für wenige Momente in Zeitlupe ab.

Auf dem Maskenball treffen Romeo und Julia sich zum ersten Mal
Kraft Angerer
Auf dem Maskenball treffen Romeo und Julia sich zum ersten Mal

Die beiden Protagonisten der Tragödie sind – wie alle anderen auch – bei ihrem ersten Aufeinandertreffen kostümiert und geschminkt. Nur dass ihre Kostüme unabgesprochen zueinander passen. Sie tragen beide einen dunklen Anzug mit Fliege und haben sich mexikanische Totenmasken ins Gesicht gemalt. Schon an dieser Stelle also der erste Hinweis auf das, was kommt. Und auch die eingesetzte Musik wirkt an manchen Stellen wie ein Vorbote. Wenn die Techno-Beats nämlich mal verstummen, bleibt ein düsteres, sphärisches Wummern, das bedrohlich klingt.

Kristin Steffen als Julia und Thomas Brandt als Romeo
Kraft Angerer
Kristin Steffen als Julia und Thomas Brandt als Romeo

Regisseurin Pinar Karabulut, die jetzt schon mehrfach in Köln inszeniert hat, wagt sich mit „Romeo und Julia“ an ein Monstrum, das sie gekonnt bändigt. Vor allem durch den Text. Der wurde nämlich mutig gekürzt, modernisiert, überspitzt und verändert. Das heißt nicht, dass die gewohnten Shakespeare-Verse ganz verschwinden. Sie werden einfach durchmischt mit moderner Alltagssprache. Manchmal sogar mit Witz, Wortspielen, kalenderspruchartigen Aussagen oder Gesangseinlagen. Dass das alles wie selbstverständlich zusammengeht und irgendwie passt, ist faszinierend.

Genauso faszinierend, wie das extreme Gebrülle mancher dieser Textstellen. Z.B. brüllt Kristin Steffen sehr viel. Dadurch wirkt ihre Julia wie ein verzogenes, psychisch labiles Bonzenkind, das verroht ist und einfach alles rauslässt, wenn ihm danach ist. Und wenn die Amme nach ihr ruft, dann gerne mit langgezogenem und schrill melodiösem hohen „U“. Die „Juhuuuuuliaaaa“-Betonung der Amme bleibt auf jeden Fall in Erinnerung und bildet einen schönen Kontrast zum Tonfall der anderen Darsteller.

Kristin Steffen als Julia und Thomas Brandt als Romeo
Kraft Angerer
Kristin Steffen als Julia und Thomas Brandt als Romeo

Es ist aber nicht nur der veränderte Text, der dem Publikum das ein oder andere Mal ein Schmunzeln entlockt. Auch die Kostümabteilung war kreativ. Pater Lorenzo erkennt man als Geistlichen beispielsweise nur noch dank seiner Silberkette mit den vielen kleinen Kreuzen, die er um den Hals trägt. Sonst sieht er eher aus, wie ein Ehrenfelder Hipster mit Adidas-Sneakers, Jackett und obligatorischem Singer-Songwriter-Hut, der einfach mal mitten auf der Bühne in einen yogamäßigen Kopfstand geht.

 

Die Darsteller sind durchweg gut. Sie spielen körperlich, dynamisch, sicher, intensiv. Dazu verhilft sicherlich auch das Bühnenbild. Der Glaskasten nimmt zwar fast die ganze Bühne ein, davor ist aber noch genug Platz zum Rumrennen. Außerdem sind die einzelnen Kabinen im Glaskasten durch Drehtüren miteinander verbunden (wer schon mal Sketche mit Drehtüren gesehen hat, weiß, wie viel spielerisches Potenzial so ein Konstrukt hat). Manchmal wirkt es sogar, als bewegen sich die Figuren in einem Labyrinth oder einem Spiegelkabinett.

Kraft Angerer

Auf die hintere Wand der Kulisse werden Videoszenen projiziert, die Romeo, Julia und alle anderen Beteiligten filmisch in den jeweiligen Situationen zeigen, die sich eigentlich gerade auch parallel auf der Bühne abspielen. Das Videomaterial ergänzt das Geschehen auf der Bühne aber noch.

Ähnlich kommen auch Audio-Einspielungen zum Einsatz. Denn während am Ende des dritten Aktes Romeo und Julia auf der Bühne kommentarlos und eng umschlungen ihre Zweisamkeit genießen, hört man nur durch die Audio-Einspielung, dass sich gerade der berühmte Dialog um die Frage, ob es denn schon die Lerche oder noch die Nachtigall sei, ereignet.


Wenn so viel auf der Bühne passiert, müssen auch im Theater schon mal Darsteller durch Mikros verstärkt werden. Daran gibt es nicht viel auszusetzen. Aber wenn dann ein Darsteller rechts hinten steht und spricht, seine Stimme aber so laut aus den Lautsprechern kommt, als stünde er ganz vorne, kann man als Zuschauer nicht mehr unbedingt lokalisieren, wer genau in dem Moment von welcher Position aus spricht. Das ist ein bisschen schade.

 

Julia (Kristin Steffen) will Paris nicht heiraten und simuliert ihren Tod, indem sie Gift schluckt.
Kraft Angerer
Julia (Kristin Steffen) will Paris nicht heiraten und simuliert ihren Tod, indem sie Gift schluckt.

Das Ende dieser Inszenierung ist dann nochmal überraschend und erinnert ein bisschen an Christopher Nolans „Inception“. Während man in der Schlussszene bei Nolan fiebernd auf einen Kreisel starrt und sich fragt, ob die Hauptfigur Dom Cobb in diesem Moment wach ist oder schläft, bleibt in Karabuluts Inszenierung unklar, ob Julia ihrem Romeo wirklich in den Tod folgt.


Zugegeben, diese Inszenierung ist mal was anderes und vielleicht nicht das, was man von einem Shakespeare-Stoff erwartet. Andererseits kann ein solcher Klassiker nur auf genau solchen "unkonventionellen" Wegen heute noch bestehen. Und in Kombination mit einer kreativen Regiearbeit und beneidenswerter Leistung der Darsteller haben es alle Beteiligten am Schauspiel Köln geschafft, der Tragödie neuen Glanz zu verliehen. So muss das sein - I like!


Weitere Infos und Termine zur aktuellen Inszenierung von "Romeo und Julia" am Schauspiel Köln findet ihr HIER.

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