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Literarische Wertung in den sozialen Medien

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Die sozialen Medien bieten einen Raum für Buchliebhaber*innen, um sich über Literatur und ihre Liebe zum Lesen auszutauschen. Gleichzeitig nehmen Online-Communities wie Bookstagram und Booktube Einfluss auf den Literaturbetrieb und die traditionelle Literaturkritik. Das Buch ist schon lange nicht mehr das einzige Unterhaltungsmedium und das Klischee, dass junge Menschen heutzutage keine Bücher mehr lesen, scheint sich weiterhin hartnäckig zu halten. Trotzdem haben sich Leser*innen in den letzten zehn Jahren zunehmend in den sozialen Medien zusammengefunden, um mit Gleichgesinnten über Bücher zu sprechen. Indem sie das alte Medium Buch mit den neuen digitalen Medien wie Instagram und YouTube verknüpfen, entwickeln sich das Leseerlebnis und der Literaturbetrieb stetig weiter.


Liebe zu Büchern

Marie hat eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht und sich im April 2020 dazu entschlossen, ihren eigenen Bookstagram-Account @mariesliteratur zu starten. „Zum einen habe ich durch Bookstagram wirklich großartige Menschen kennengelernt, die teilweise mittlerweile zu meinen besten Freunden zählen. Die Liebe zu Büchern verbindet ungemein und ich konnte schon so viele tolle Kontakte knüpfen, die ohne Bookstagram nie zustande gekommen wären”, berichtet Marie. „Zum anderen gewinnt man natürlich ganz andere Möglichkeiten, ein Teil der Buchwelt zu sein. Ich würde später unglaublich gerne in einem Verlag arbeiten. Durch Bookstagram stehe ich in Kontakt mit vielen Autor*innen und natürlich auch Verlagsmitarbeiter*innen. Ich plane selbst Aktionen, Gewinnspiele etc. und führe häufig Interviews mit Autor*innen.” Viele Verlage haben inzwischen erkannt, dass sie die sozialen Medien für ihr Marketing verwenden können. Sie nutzen die Reichweite der Booktuber, Bookstagrammer und Blogger und bieten ihnen beispielsweise kostenfreie Neuerscheinungen an. Im Gegenzug verpflichten sie sich, eine Rezension zu veröffentlichen, in der sie ihre Meinung zu dem Buch teilen.


Literaturkritik im Wandel

Literarische Wertungen in den sozialen Medien bestehen nicht aus tiefgründigen literaturwissenschaftlichen Analysen wie sie im Deutschunterricht gelehrt werden. Stattdessen steht die Begeisterung für Literatur im Vordergrund. Wichtig sind vor allem die Identifikation mit den Protagonist*innen und das emotionale Leseerlebnis. Das spiegelt sich auch in den Genres wider, die hauptsächlich besprochen werden. Im Vordergrund steht die Unterhaltungsliteratur: vor allem Jugendliteratur und Fantasy, aber auch New Adult, Science Fiction, Thriller und Krimis. Kritiker*innen sehen die Bookcommunities in den sozialen Medien nicht als Teil eines modernen literarischen Diskurses an, sondern vielmehr als oberflächliche Verbreitung und Bewerbung von Trivialliteratur. Den Anspruch der klassischen Literaturkritik im Feuilleton können und wollen die Booktuber und Bookstagrammer größtenteils nicht erfüllen. Anstatt jedes kleinste Detail eines literarischen Klassikers zu interpretieren, besteht ihr Ziel vielmehr darin, sich mit Gleichgesinnten über ihre Leseerfahrungen auszutauschen und die Bücher zu lesen, die sie thematisch ansprechen. Die meisten Booktuber und Bookstagrammer sehen ihre Accounts als ein Hobby, durch das sie ihre Interessen kreativ ausleben und sich ausprobieren können. Aufgrund des (audio-)visuellen Formats auf YouTube und Instagram spielen neben dem reinen Inhalt auch zusätzlich ästhetische Aspekte eine Rolle. Mit den sozialen Medien gehen jedoch auch neue Erwartungen und Herausforderungen einher. „Man sieht häufig immer wieder die gleichen ‘gehypten’ Bücher, während andere Bücher untergehen und gar keine Chance haben. Es entsteht viel Druck ‘immer schönere, immer kreativere, immer bessere’ Fotos zu machen und Beiträge zu posten, während man vergisst, dass es doch eigentlich nur um die Liebe zu Büchern gehen sollte”, gibt Marie zu bedenken.



Einfluss auf Kauf- und Leseverhalten

„Ich denke schon, dass Bookstagram mittlerweile eine sehr gute Werbestrategie für Verlage und generell die Buchbranche ist. Ich habe schon viele Nachrichten erhalten, dass sich Leute wegen meiner Rezension ein bestimmtes Buch gekauft haben. Vor allem für die jüngere Zielgruppe kann man damit sogar mittlerweile mehr erreichen als im Buchhandel selbst. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass Menschen durch Bookstagram eben auch zum Lesen angeregt werden, was natürlich ein wundervoller Vorteil ist”, erzählt Marie. „Mir persönlich fehlt es aber manchmal sehr, dass man selten im Buchladen überrascht wird, wenn man viel auf Bookstagram unterwegs ist. Man hat auch zu vielen Büchern bereits eine vorgefertigte Meinung, da man sich zum Beispiel daran erinnert, dass ‘irgendwer auf Bookstagram’ nicht so begeistert von dem Buch war. Dadurch nimmt man sich leider manchmal die Möglichkeit, eine eigene Erfahrung zu machen bzw. sich einfach auf ein Buch einzulassen ohne jegliches Vorwissen oder jegliche Vorurteile.” Die literarische Wertung verändert sich also durch die sozialen Medien und eröffnet neue Möglichkeiten des literarischen Austauschs.


Quellen:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/booktuber-digitale-mundpropaganda.976.de.html?dram:article_id=419965

https://www.deutschlandfunkkultur.de/literaturkritik-debatte-der-kritiker-verlaesst-den.1270.de.html?dram:article_id=324617

Bild: fotografierende / Unsplash



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