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Mehrsprachigkeit - Bürde oder Vorteil?

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Mehrsprachigkeit kann mehr Vorteile haben, als man glaubt.  Dennoch gibt es bestimmte Mythen bzw. Vorurteile, mit denen einige ZweisprachlerInnen sich herumschlagen müssen.

Duygu (IT Senior Beraterin, 24) berichtet davon, dass Sie während ihrer Schulzeit schon erste Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihrer Zweisprachigkeit gemacht hat, da sie in einigen Situationen sich besser auf Englisch oder Türkisch ausdrücken kann, als auf Deutsch. Sie war mit der Behauptung konfrontiert, dass sie zwar die Sprachen, die sie spricht, in ihren Grundzügen beherrscht, jedoch keine der Sprachen so richtig zu 100%.

Diese und ähnliche Vorurteile hören Menschen, die zwei- oder mehrsprachig aufgewachsen sind, öfters.

Dr. Till Woerfel, der unter anderem auch zum Einfluss von Sprachdominanz und sprachspezifischen Mustern bei bilingualen türkisch-deutschen und türkisch-französischen Kindern promoviert hat und seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Mercator Institut in der Abteilung Sprache und Bildung* ist, spricht hierbei von einem „lang anhaltenden Mythos der doppelten Halbsprachigkeit“, welches empirisch nicht haltbar ist.  Die Vorstellung, dass SprecherInnen gleich kompetent in ihren erworbenen Sprachen sind, gibt es in der Regel nicht.  Selbst in Ländern wie z.B. der Schweiz, bei denen Mehrsprachigkeit gesellschaftlich auch eine rechtliche Grundlage hat, sind die SprecherInnen meistens nie gleich kompetent in allen Sprachen. In der Regel hat man eine Sprache, in der man in bestimmten Situationen stärker ist als in der anderen. Beispielsweise sind einige in der einen Sprache stärker, wenn es um Familienthemen geht und in einer anderen Sprache, wenn es um schulische Themen geht.


Vorteile von Mehrsprachigkeit


In einem Interview erklärte uns Dr. Till Woerfel, dass Mehrsprachigkeit viele Vorteile hat. Beispielsweise haben zweisprachig aufgewachsene Kinder und Jugendliche meist ein höheres „metasprachliches Bewusstsein“. Außerdem hat sich in psycholinguistischen Studien herausgestellt, dass mehrsprachig aufwachsende Personen besser in Sortieraufgaben sind oder eine stärkere Aufmerksamkeitskontrolle haben. Das führt man vor allem darauf zurück, dass Personen, die mehrsprachig aufgewachsen sind, sich früh daran gewöhnen mussten zwischen Sprachen zu wechseln.


Wie kann man Vorurteile und Mythen entgegenwirken?


Dr. Woerfel: Vor allem in Hinblick auf die Bildungslandschaft ist es wichtig, Lehrkräfte darüber aufzuklären, dass Mehrsprachigkeit kein Nachteil ist. Sprachliche Kompetenzen stehen viel eher in einem Zusammenhang mit den erhaltenen Bildungsangeboten, innerhalb und außerhalb der Familie.  Einsprachig aufwachsende Kinder, die aus Familien mit einem niedrigen Bildungsniveau stammen, gehören genauso zur Risikogruppe an wie zweisprachig aufwachsende Kinder mit einem niedrigen Bildungsniveau. Ein weiterer Punkt ist, dass es keine „gute“ oder „schlechte“ Mehrsprachigkeit gibt, die mehr oder weniger Wert ist. Viele Lehrkräfte sind noch in der Vorstellung, dass eine „französisch-deutsche“ Mehrsprachigkeit mehr Wert ist als eine „kurdisch-deutsche“ oder eine „arabisch-deutsche“ Mehrsprachigkeit. Jedoch hat dies viel eher mit dem sozialen Prestige von Sprachen zu tun und den damit verknüpften Vorstellungen.

Das ist etwas, wo die junge Generation von Lehrkräften schon in der LehrerInnenausbildung stärker ausgebildet wird. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise gibt es das verpflichtende Modul „Deutsch für SchülerInnen mit Zuwanderungsgeschichte“, wo unter anderem Themen wie Mehrsprachigkeit und Deutsch als Zweitsprache vermittelt werden. Diese Generation von Lehrkräften kommt dann schon mal mit einer ganz anderen Einstellung in das Schulsystem.


Wie kann man in der Praxis mehr auf mehrsprachige Kinder/Jugendliche eingehen?


Dr. Woerfel: Wenn es um die Praxis geht, dann sollte das Lernen so gestaltet werden, dass die mehrsprachigen Ressourcen, die die SchülerInnen mitbringen, genutzt werden. Dazu ist es auch nicht unbedingt notwendig, dass die LehrerInnen oder die ErzieherInnen alle Herkunftssprachen sprechen müssen, sondern da geht es eher darum Lehrkräfte darauf vorzubereiten, wie sie didaktisch sinnvoll Familiensprachen in den Unterricht einbeziehen können.

Grundsätzlich ist es wichtig ein Klima zu schaffen, das den Gebrauch von Familiensprachen im Bildungskontext nicht verbietet oder stigmatisiert, sondern als Ressource und Chance ansieht - auch immer mit dem Ziel, die Deutsche Sprache für die Teilhabe im Unterricht, als notwendige Sprache, zu erwerben. Das sind z.B. Ansätze, die Schüler und SchülerInnen anweisen, Rechenwege erstmal in der Muttersprache durchzudringen und sich mit Gleichsprachigen auszutauschen und die Lösung dann in der Unterrichtssprache vorzustellen. Das ist dann eine Form von „gelebter Mehrsprachigkeit“.


Wichtig ist also, dass man LehrerInnen aber auch die Mitmenschen über langanhaltende Mythen aufklärt und Mehrsprachigkeit als Chance, statt als Nachteil wahrnimmt. Davon profitieren dann nicht nur MehrsprachlerInnen, sondern auch Menschen die nur eine Sprache sprechen.


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*Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache ist ein durch die Stiftung Mercator initiiertes und gefördertes Institut der Universität zu Köln. Es will sprachliche Bildung verbessern. Um dieses Ziel zu erreichen, erforscht und entwickelt es innovative Konzepte, Maßnahmen und Instrumente für sprachliche Bildung. Es bildet regional Lehramtsstudierende aus sowie bundesweit Pädagoginnen und Pädagogen in Kitas, Schulen und der Erwachsenenbildung fort und bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt für Entscheidungsträger in Bildungspolitik und -verwaltung sowie Bildungspraxis auf. Mit seiner Forschung und seinen wissenschaftlichen Serviceleistungen zu sprachlicher Bildung in einer mehrsprachigen Gesellschaft trägt das Mercator-Institut zu mehr Chancengleichheit im Bildungssystem bei.  https://www.mercator-institut-sprachfoerderung.de/



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