Leitung: Christopher Jung

magazin@koelncampus.com

Frühstückslektüre | „Heute gibt es nichts zu berichten!“

Verfasst von Esra Ayari am

Stell dir vor du wachst auf, reibst dir den verklebten Schlaf aus den Augen, entsperrst dein Handy nachdem du nach ihm getastet hast und siehst nichts. Genau, es gibt keine Nachrichten. Ja doch, vielleicht eine. Eine, die berichtet, dass es nichts zu berichten gibt. Plötzlich macht sich Angst in dir breit: „wie kann das sein?“, fragst du dich. Wie kann es sein, dass Trump nicht twittert, niemand streikt und die AfD keinen Unsinn verzapft. Du googelst weiter und findest immer wieder die gleiche Nachricht: „Heute gibt es nichts zu berichten!“

(CC BY 2.0) applemarkus / flickr.com

Du stehst verträumt auf und fragst dich wie du den Tag beginnen sollst ohne die Portion Negativität am Morgen. „Ist es denn so essentiell, dass jeden Tag etwas negatives passieren muss?“, fragst du dich und antwortest dir selbst, indem du es einfach hinnimmst und den ereignislosen Tag genießt. Schnell unter die Dusche, musst du doch pünktlich zum Seminar. Viel Zeit für ein Frühstück bleibt nicht, doch dann fällt dir ein, dass du gestern Abend ein Overnight-Porridge vorbereitet hast. Mit etwas Stolz lächelst du während du die Jeanshose über deine Beine streifst. Irgendwie passt sie dir heute besser als gestern und irgendwie wirst du das Lächeln nicht los.

Schnell noch alle Bücher einpacken und natürlich den Porridge nicht vergessen und los. Der Tag ohne Nachrichten beginnt. Während du die Treppen runterläufst schaust du noch mal auf dein Handy, da du normalerweise etliche Push-Nachrichten bekommen müsstest, so hattest du es dir doch eingestellt. Doch nichts, wieder nichts. Keine Nachrichten. Während du so ungläubig auf dein Handy schaust, merkst du, dass du noch genug Zeit hast, du bist 10 Minuten früher aus der Wohnung als sonst. Das Lächeln in deinem Gesicht scheint nicht gehen zu wollen. Es formt sich zu einem halblauten Lachen als du genau vor deiner Haustür ein KVB-Rad siehst, das auch noch verfügbar ist.

Ja, warum denn nicht. Denn natürlich scheint heute auch die Sonne.  Als du lächelnd durch die Straßen deines Viertels fährst, schaust du in die Gesichter der Menschen und alle scheinen glücklich zu sein. Du fährst an keinem grimmigen Gesicht vorbei, niemand hat es eilig. „Das muss die Leichtigkeit über die Ereignislosigkeit sein“, denkst du dir und trittst in die Pedalen deines Rads. Die Sonne blendet dich leicht, doch es ist kein Blenden, dass dir die Sicht nimmt, sondern dir die Schönheit der Stadt erkenntlicher macht. Plötzlich hörst du ein Geräusch, es kommt von deinem Handy. Der Ton der Push-Nachrichten.

Du wartest bis zur nächsten Ampel, um auf dein Handy zu schauen. Möchtest die letzten Minuten ohne schlechte Nachrichten auskosten. Die Ampel leuchtet rot und es signalisiert dir, dass du auf dein Handy blicken sollst. Ein Blick und dann die Überraschung: „Wir wiederholen uns sehr gerne liebe Leser*innen, heute gibt es nichts zu berichten“. Du atmest tief ein und es formt sich wieder ein Lächeln in deinem Gesicht. Es wird grün und du bist einfach nur froh.

Als du so vor dir her radelst, läuft es dir plötzlich eiskalt über den Rücken. Du merkst wie beängstigend es ist. „Wie konnte ich nur so blöd sein?“, fragst du dich und plötzlich werden deine Beine schwer und du bist dir sicher: „Mir wird heute was passieren!“

Du deutest den reibungslosen Morgen und diesen Tag ohne Nachrichten als Vorboten eines Grauens. Plötzlich merkst du, dass deine Beine sich wie Fremdkörper anfühlen und du zwar fährst aber keine Kontrolle mehr über deine Gliedmaßen hast. Während du völlig betäubt auf deine Beine blickst, hörst du ein bebendes Hupen rechts von dir und wirst geblendet, diesmal jedoch nicht von der Sonne sondern von ihrer Reflektion auf der Motorhaube des dir entgegen fahrenden Autos und das Hupen wird so laut, dass du es in dir hörst und dich losreißt.

 

Du reißt die Augen auf. Der Schweiß steht dir auf der Stirn und deine Brust bebt. Du atmest tief ein und aus. Es war nur ein Traum. Hastig tastest du nach deinem Handy, entsperrst es und öffnest den Internetbrowser. Auf der letzten Seite, die geöffnet wurde steht: „Der ereignisloseste Tag des 20. Jahrhunderts - Ein britischer Computerwissenschaftler soll herausgefunden haben, dass der 11. April 1945 der ereignislosteste Tag des Jahrhunderts war“. Du legst dein Handy schnaubend weg und streichst dir über die Stirn und schwörst dir nie wieder Nachrichten vor dem schlafen zu lesen. Jetzt aber schnell unter die Dusche, viel Zeit bleibt dir nicht. Noch während du ins Badezimmer huschst, hörst du den Ton auf deinem Handy. Der Ton, der dir sagt, dass die AfD wieder die Grenzen des Sagbaren ausweitet, Trump wieder zwitschert und der Nahverkehr in Köln ausfällt. Und da ist es wieder; das Lächeln auf deinen Lippen. Heute ist ein ganz normaler Tag.

 

 

Zurück zur Übersicht