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Persischstunden: So wichtig wie Schindlers Liste?

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„Please teach this in your schools“. Das waren Steven Spielbergs Worte in seiner Dankesrede, als sein Film Schindlers Liste 1994 den Academy Award für den besten Film gewann. Damit war klar, dass er mit Schindlers Liste nicht nur einen großartigen und bewegenden Film ablieferte, sondern auch die absoluten Grausamkeiten und Ausmaße des Holocausts präsentierte. So gilt er bis heute als eines der wichtigsten Werke der Filmgeschichte und dient immer noch zur Aufarbeitung und Verbildlichung dieser schrecklichen Geschehnisse. Heute, am 24.09.2020, kommt mit Persischstunden ein Film in die Kinos, der diese Thematik ganz anders angeht, aber dennoch eine genauso immense Relevanz hat. Also mach dich bereit für eine Doppelstunde Persisch.


Lügen fürs Überleben

Persischstunden basiert auf der Erzählung Erfindung einer Sprache von Wolfgang Kohlhaase und beschränkt sich auf das Schicksal eines jungen jüdischen Belgiers namens Gilles. Dieser soll von der SS zusammen mit anderen Juden in einem Transporter nach Deutschland abgeführt werden. Jedoch werden alle Insassen des Transporters von den Soldaten gnadenlos hingerichtet. Nur Gilles überlebt, weil er den Soldaten schwört Perser zu sein. Diese Lüge scheint ihm zunächst das Leben gerettet zu haben, denn wie das Schicksal es so will, suchen sie ausgerechnet einen Perser. Also nehmen sie Gilles mit ins Straflager, wo sie ihn dem Lagerkoch übergeben. Gilles soll ihm nämlich Farsi beibringen, weil der Koch nach dem Krieg in Persien ein deutsches Restaurant eröffnen will. Nun muss Gilles seine Lüge aufrechterhalten und eine komplette Sprache erfinden, die er auch im Kopf behalten muss, damit er nicht als Betrüger auffliegt. So beginnt das Mitfiebern um Gilles Leben.

Tragisch und auch amüsant?

Ab der ersten Sekunde ist klar, dass dieser Film sich direkt und ernst mit der zeitgenössischen Geschichte auseinandersetzt. Das ist seinen gewaltigen Bildern und dichten Inszenierung mit dem eindrucksvollen Soundtrack zu entnehmen. Ein bedrückendes und eiskaltes Gefühl wird durch die Aufnahmen in dem Straflager hervorgerufen. Weite Einstellungen eines Steinbruchs und von engen und überfüllten Schlafräumen vermitteln nur eines: „Hier will ich nicht sein.“ und „Wie kann so etwas nur passieren?“. Trotz dieser Inszenierung geschieht etwas, das gar nicht mit dieser Thematik in Verbindung gebracht wird. Es kommt stellenweise zu Lachern (und das nicht zu knapp). Diese nehmen dem Film allerdings nicht die Ernsthaftigkeit und ziehen das Thema zu keiner Zeit ins Lächerliche. Stattdessen dienen diese Momente der Heiterkeit dazu, die Figuren näher kennenzulernen und ihnen Tiefe zu geben. Auslöser dafür ist nämlich das Gespann aus Gilles und dem Lagerkoch. Gilles Lüge und das Erfinden einer Sprache ist zum einen nämlich purer Nervenkitzel, wenn man mitfiebert und hofft, dass er nicht auffliegt. Zum anderen kann man sich aber auch nicht zurückhalten, wenn der Lagerkoch Gilles ein Gedicht vorträgt, welches eigentlich kompletter Nonsens ist. Lars Eidinger (Lagerkoch) und Nahuel Pérez Biscayart (Gilles) schaffen es, eine besondere Beziehung und ihren durchwachsenen und merkwürdigen Verlauf emotional und packend darzustellen. Dabei kommen sich die beiden Figuren auch immer näher und tauschen sich aus, teilen ihre Sichten, lernen voneinander und erreichen sogar eine Verbindung, die einer Freundschaft ähnelt. Durch das Aufeinandertreffen dieser unterschiedlichen Charaktere wird eben auch der Konflikt gesucht und dem Gegenüber der Spiegel vorgehalten. Beispielsweise ist der Lagerkoch felsenfest davon überzeugt kein schlechter Mensch und Mörder zu sein. Daraufhin konfrontiert ihn Gilles: „Aber du sorgst dafür, dass die Mörder gut speisen.“



Mehr als nur Namen und Zahlen

Die Stärke aber liegt in der Botschaft, die in Persischstunden vermittelt wird. Während Schindlers Liste die unfassbaren Ausmaße der Grausamkeiten des Holocausts in seinen Fokus stellt, hebt Persischstunden die Einzelschicksale verstärkt hervor. Die Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden ist nicht bloß eine Zahl. Hinter dieser Zahl stecken sechs Millionen Menschen, Leben, Individuen und Geschichten. Genau das vermittelt Regisseur Vadim Perelman mit seinem Film. Jedes einzelne Menschenleben ist wichtig und es ist wichtig, darüber zu sprechen und mehr darüber zu lernen.

Fazit

Wenn es klingelt und die Doppelstunde Persisch schließlich vorbei ist, dann macht man sich mit einem beklemmenden Gefühl auf den Heimweg. Diese Persischstunden sind nämlich einfach grandioses Kino und sowohl fesselnd als auch unterhaltsam. Aber vor allem ist es einfach ein sehr wichtiger Film, der das, was damals passiert ist, aufarbeitet und uns damit zeigt, dass hinter all den Opfern des Holocausts Geschichten stecken. Filme wie Persischstunden helfen zur Aufarbeitung und sorgen dafür, dass diese Geschichten und Grausamkeiten niemals in Vergessenheit geraten. Abschließen kann man nur mit den gleichen Worten, die der US-Präsident damals zu Schindlers Liste äußerte: „Go see it!“. Zu sehen ist der Film im Cinenova, Rex am Ring und in der Filmpalette.

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