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Lollapalooza 2018

Verfasst von Madeleine Sabel am

Eigentlich wollte ich nur nach Berlin und ein paar Freunde besuchen und eigentlich mag ich am liebsten kleine Festivals à la 5000 feiernde Menschen.

Lollapalooza 2k18
Madeleine Sabel
Lollapalooza 2k18

Blumenkränze und Glitzer im Gesicht mag ich auch nicht so sehr. Die letzteren beiden generell schon, aber nicht in Verbindung mit Festivalgänger*innen im Möchtegern-Coachella-Look. Whatever. Das Lollapalooza fällt mit 85.000 Besucher*innen dann doch in die Kategorie große Festivals. Und, falls ihr's noch nicht wusstet, ganz viele (primär) Girls im Glitzer-Einhorn-Blumenkranz-Outfit findet man dort auch. Nun ja, bin trotzdem hin. Ziemlich spontan. Hab’s nicht bereut. Im Gegenteil:

Ganz unabhängig vom Drumherum, also von Besucherzahlen, Location, Outfits der Festivalgänger*innen, hohen Kosten fürs Bier (aber dafür umso besserem Essensangebot (was beim Lollapalooza ausgesprochen vielfältig war, by the way) war das Lineup für mich Grund genug hinzugehen.

Auch, wenn ich mit den Göttern elektronischer Musik aka David Guetta, Armin Van Buuren und wie sie alle heißen persönlich nicht besonders viel anfangen kann und EDM und ich uns in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr anfreunden werden, wurde das Olympiastadion in Berlin von Besagten neben beeindruckender Showeffekte ziemlich aufgeheizt. Und zu meinem Glück hat Samstagnachmittags auch Oliver Koletzki aufgelegt, der mit dem Hashtag #fuckedm meinen Geschmack hinsichtlich elektronischer Musik offensichtlich teilt. Dieser hat mich mit seinen gewohnt housigen Technobeats überzeugt. Bei seinem Set ging es um die Musik, um die Beats, ums Handwerk und ums Publikum, anstatt lediglich um die Inszenierung. Denn wirkliches „Auflegen“ impliziert Spontanität und jedes Set wird erst in seiner Ausführung hervorgebracht und dadurch einzigartig. Good Job, Oli!

Wer mit elektronischer Musik allgemein nichts anfangen kann, fand auf dem Lollapalooza mehr als ausreichend Alternativen. Es wurden ganz unterschiedliche Musikgeschmäcker und Genres bedient. So waren meine Highlights auf der Alternative Stage unter anderem Fil Bo Riva, der die einen Gemüter zum Tanzen bewegt, den anderen wiederum das in-der-Sonne-fläzen versüßt hat.

Auch Von wegen Lisbeth haben mich persönlich richtig abgeholt. Kaum hatten die Berliner die Bühne betreten, haben sie so viel Energie versprüht, dass die Fans regelrecht getobt haben. Es wurde gepogt, gelacht, gefreut, sich verausgabt und lauthals mitgesungen - textunsicher war wahrscheinlich niemand.
Auf The Wombats hatte ich mich im Vorfeld mit am meisten gefreut, denn ich wollte schon mit 12 Jahren nach New York umziehen, ihr wisst, und so viele Erinnerungen sind schlichtweg mit Wombats-Mucke verbunden, dir mir ebensoviel Freude bereitet wie mich melancholisch stimmt. Liebe ich ja. Noch euphorisch vom Auftritt standen wir, mehr als bereit, ziemlich weit vorne, um den Spirit, den wir bei Von Wegen Lisbeth erlebt hatten, nur noch mehr zu spüren. Irgendwie blieb dieser trotz äußerst gutem Sichtfeld und Platz, naja, für mein Empfinden leider aus. Ich kann nicht mal genau sagen, woran das lag. Es wurde einfach nicht so viel transportiert, obwohl es rein musikalisch kein Manko zu verzeichnen gab. Na ja, bin trotzdem rumgesprungen, bis ich nass geschwitzt war, aber so schön wie gedacht, gehofft, erwartet, war es leider nicht.

Auch liebe ich Ben Howard, aber nicht auf der Main Stage. Irgendwie war der Widerspruch zwischen seiner, wie ich finde, häufig sehr intimen und wirkungsvollen Musik und einer riesigen, anonymen Hauptbühne in meinen Augen zu groß. Während ich sonst, wenn ich Ben Howards Musik höre, sehr berührt bin, war ich beim Lollapalooza eher wenig ergriffen.

Weitere Erkenntnisse: The Weeknd hat wie erwartet live eine ebenso pointierte Kopfstimme wie recorded.  Selbst die Höhen waren ausnahmslos fehlerfrei intoniert (obwohl ich den einen oder anderen schiefen Ton auf jeden Fall verziehen hätte).
Außerdem: Matt Berninger von The National hat seinem Alter keinen Namen gemacht und sich von der Menge tragen und feiern lassen. Er ist im Publikum rumgesprungen, kurz danach hat er sich auf der Bühne Leib und Seele aus dem Hals gesungen; Sympathie- und Authentizitätslevel weit über hundert.

Last but not least, oder eher: das Beste kommt zum Schluss, denn mein Highlight aller Highlights samt einem Grinsen, breiter,  als es mir ein Honigkuchenpferd je nachmachen könnte: der Auftritt von Casper. Gefühlt haben sich alle 80.000 Besucher vor der Main Stage 2 versammelt, um einen energiegeladenen, tanzenden, springenden, teilweise merklich ergriffenen und überwältigten Benjamin Griffith zu sehen, der keine politischen Statements gegen rechts und für Solidarität gescheut hat und gleichzeitig das Festivalgelände zum Beben gebracht hat. Das war episch. Freundschaftliche Unterstützung von Drangsal, Ahzumjot und - als hätte man es nicht geahnt - Marteria, haben seinen Auftritt komplettiert und tatsächlich meine Erwartungen um Meilen übertroffen.

Wenn ich daran denke, freue ich mich jetzt noch. Grinsen muss ich schon wieder. Viel zu gut. war das. So wie das Lollapalooza insgesamt. Auch wenn Studierende ja bekanntlich häufig knapp bei Kasse sind, mich eingeschlossen, hat sich das Lollpalooza als Investition für mich mehr als gelohnt. 

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