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Trinken wir alle zu viel Alkohol?

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Das Trinken von Alkohol hat in der Gesellschaft einen extrem hohen Stellenwert. Ein Gläschen Wein am Abend gilt als edel und gehört bei vielen einfach dazu. 70 Prozent der Deutschen trinken regelmäßig. Aber wie ungesund ist Alkohol wirklich?

Alkoholmissbrauch: Eine sich langsam einschleichende Abhängigkeit

Der Konsum von Alkohol ist normalisiert – in vielen Kreisen gilt er sogar als schick. Besonders in Studierenden-Kreisen ist Abstinenz auffallend ungewöhnlich. Wer schon mal nüchtern auf einer Party war, weiß: Irgendwie sticht man merklich heraus.  

Nicht alle Studierende konsumieren Alkohol in einem risikoarmen Maß - das fällt jedoch meistens zunächst nicht auf, da regelmäßiges Trinken von den meisten praktiziert wird. Oft schleicht sich eine Abhängigkeit langsam ein und das Problem wird erst erkannt, wenn bereits schwere Folgeerscheinungen auftreten.

Autorin Marie Schwarz erzählt, sie habe während des Studiums jeden Tag mehrere alkoholische Drinks zu sich genommen. Der Alkohol habe sie damals von Gefühlen der Einsamkeit und der Überforderung abgelenkt. Zudem hatte sie das Gefühl, dass sie trinken musste, um Anschluss zu finden. Irgendwann fand sich immer eine Ausrede, zu Trinken. Immer machte jemand eine Party. Und bald entwickelte Marie eine Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit, die sich langsam entwickelte und durch den regelmäßigen Alkoholkonsum in ihrem Umfeld zunächst kaum auffiel. Sie hatte jedoch das Gefühl: “Ohne Alkohol kann ich den Anforderungen des Studiums nicht gerecht werden.”

Der hohe Stellenwert von Alkohol                                        

Die meisten Deutschen trinken das erste Mal mit 14 Jahren Alkohol und haben ihren ersten Rausch mit 16. 70 Prozent der Deutschen trinken regelmäßig – durchschnittlich 14 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Die Verfügbarkeit und Akzeptanz, die Alkohol in der Gesellschaft hat, ist außergewöhnlich. Wenig andere Drogen sind so leicht zugänglich und haben einen so hohen Stellenwert, wie Alkohol.

Wenn man sich die positiven Effekte von Alkohol ansieht, ist das kein Wunder: “Durch Alkohol wird das Belohnungssystem angesprochen und Botenstoffe werden ausgesendet. Durch diese chemische Struktur werden mehr Dopamine ausgeschüttet, als normalerweise,” – das erklärt Dr. Anne Koopmann, Oberärztin für abhängiges Verhalten und Suchtmedizin. Die positiven Effekte von Alkohol lassen die Schädlichen jedoch oft in den Hintergrund rücken: “Jeder Schluck Alkohol schadet dem Körper. Denn: Alkohol ist ein Zellgift,” sagt Dr. Koopmann. “Auch entwickelt das Belohnungssystem durch regelmäßiges Trinken eine höhere Toleranz. Man erzielt also mit gleichen Mengen eine weniger starke Wirkung und neigt nun dazu, mehr zu trinken als anfänglich,” warnt Dr. Koopmann. Aber ab wann kann das zum Problem werden?

Einen riskanten Alkoholkonsum erkennen

Alkoholkonsum wird in vier Kategorien eingeteilt: risikoarmer Konsum, riskanter Konsum, schädlicher Konsum und Abhängigkeit. Woher aber weiß man, dass man die Grenze zum riskanten Konsum überschreitet? Dr. Koopmann erklärt mir, dass riskanter Konsum anfängt, sobald der tägliche Grenzwert überschritten wird (pro Tag 12 Gramm bei Frauen und 24 Gramm bei Männern). Denn dann steigt auch das Risiko, körperlich oder psychisch zu erkranken. Der Schritt zum schädlichen Konsum ist jedoch weniger an der tatsächlichen Menge zu erkennen und mehr an den Hintergründen des Trinkens.

Die meisten Menschen trinken während der Studentenzeit mehr als in anderen Lebensabschnitten. Aber auch wenn mal über die Stränge geschlagen wird, ist das nicht gleich ein Zeichen eines beginnenden Alkoholproblems. Studierende trinken für gewöhnlich auf Partys oder mit Freunden – das Trinken hat also einen sozialen Faktor. Wird Alkohol jedoch überwiegend als Frustabbau oder Stressabbau konsumiert, sollte man Acht geben – insbesondere wenn alleine getrunken wird. Auch wenn der Konsum eine Funktion bekommt, kann Abhängigkeit entstehen. Aussagen wie „Ich kann nur mit Alkohol Frauen ansprechen“ oder „Ich kann nur mit Alkohol auf Partys Spaß haben“ könnten auf einen schädlichen Gebrauch hinweisen.

Dr. Koopmann gibt vier Fragen an die Hand, mit denen der eigene Alkoholkonsum reflektiert werden kann:

1.     Habe ich bereits versucht, meinen Alkoholkonsum zu reduzieren und es war erfolglos?

2.     Bin ich mal wegen meinem Konsum in einen Konflikt geraten?

3.     Habe ich mich aufgrund meines Alkoholkonsums schuldig gefühlt?

4.     Habe ich meinen Tag öfters mit einem alkoholischen Getränk gestartet?

Wer mindestens eine der Fragen mit „Ja“ beantwortet oder es nicht schafft, mindestens zwei abstinente Tage pro Woche zu haben, sollte seinen Alkoholkonsum hinterfragen.

Rein in die Abstinenz?

Jeder Schluck Alkohol schadet dem Körper und erhöht das Risiko für verschiedene Krankheiten. Eine Sucht wird oft zu spät erkannt. Sollten wir nun also alle abstinent werden? Dr. Koopmann beruhigt mich: “Risikoarmer Alkoholkonsum ist zwar nicht risikofrei. Aber auch eine Tafel Schokolade essen ist nicht risikofrei. Die Gefahr, Karies oder Diabetes zu bekommen, ist immer präsent.” Laut Dr. Koopmann sollte daher jeder selber abwägen, welche Risiken einem der Rausch wert sind. Für Dr. Koopmann ist die bewusste Entscheidung für oder gegen Alkohol das Entscheidende. Verbote machen den Konsum eher attraktiver. Aber aktive Reflexion kann die Gefahr, langsam in eine Abhängigkeit zu rutschen, etwas mindern.

Und was ist aus Marie geworden? Aus gesundheitlichen Gründen war Marie nach einigen Jahren gezwungen, mit dem Trinken aufzuhören. Der Alkohol zerstörte langsam ihren Körper und auch ihre Psyche. Sie wurde abstinent. Und sie hat gemerkt: Ihre Freundschaften wurden qualitativer. Ihre Gesundheit besserte sich – sowohl die psychische als auch die physische. Ihr Leben wandelte sich ins Positive. Maries Motto: „Mittlerweile halte ich mich nur noch mit Wasser über Wasser.“

Für Marie ist der Weg von Alkohol weg der Erstrebenswerteste. Für sie überwiegen die Nachteile von Alkoholkonsum alle vermeintlichen Vorteile. In ihrem Buch Ausgetrunken spricht sie über 31 Gründe, die für ein Leben ohne Alkohol sprechen. Sie selbst ist seit Jahren abstinent; weiß aber noch, dass man als junge Person oft kein Ende kennt. Ihr Tipp an Studierende: Du kannst nur das leisten, was du leisten kannst. Sprich mit Freunden über deine Probleme und habe keine Angst, auch mal zu versagen. Du bist auf keinen Fall alleine. Und: Wenn eine Party nicht gut oder eine Person nicht für dich interessant ist – es ist in Ordnung, einfach nach Hause zu gehen. Alkohol macht die Situation nicht qualitativer.

Fragt euch doch auch mal: Könntet ihr euch vorstellen, nüchtern auf eine Party zu gehen und dennoch Spaß zu haben? Wenn ihr diese Frage mit nein beantwortet, da Partys ohne Alkohol für euch an Wert verlieren, könnte man laut Dr. Koopmann mal darüber nachdenken, eine Zeit lang nichts zu trinken, um zu entdecken: Ist Alkohol wirklich so essentiell für einen schönen Abend? Oder hat er doch einen zu hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft?


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