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Pick-Up-Artists: Das Spiel mit dem Sexismus

Verfasst von Nadja Heckelsberg am

Usplash/Dương Trần Quốc

Wer sich bei schönem Wetter mal in der Gegend um die Haupt-Mensa und die Uni-Wiese aufhält, hat vielleicht schon einzelne Männer* beobachtet, die sich dort stundenlang aufhalten und wiederholt Frauen* ansprechen. Der Ort ist bei der Kölner Pick-Up-Artist-Szene nämlich beliebt. Aber um was für eine Szene handelt es sich dabei genau? Und warum sollten wir darauf aufmerksam machen?


Das Aufreiß-Spiel

In den frühen 2000ern wurde die Sitcom How I Met Your Mother zu einem popkulturellen Klassiker über Dating- und Flirt-Regeln. Vor allem der notorische Frauenaufreißer Barney Stinson versuchte mit den skurrilsten Methoden, Frauen ins Bett zu bekommen und schrieb sie in seinem “Playbook” nieder. Tatsächlich wurde das Buch von Matt Kuhn, einem Drehbuchautor der Serie, geschrieben und veröffentlicht. Was im “Playbook” vor allem zu Comedy-Zwecken beschrieben wird, ist eine Karikatur von systematischen Flirt- und Anmach-Methoden. Dass einstudierte Maschen auch in der realen Welt angewandt werden, liegt nicht fern. An Kreativität mangelt es auch in der Realität nicht. Allerdings sind diese Methoden längst nicht mehr für alle Beteiligten lustig.


Und es sind nicht nur einzelne Personen, die sich Flirten zum Hobby nehmen. In der Szene der Pick-up-Artists haben sich vorwiegend cis Männer zusammengeschlossen, deren Ziel es ist, zu lernen, wie man Frauen* erfolgreich verführt. Die Community entstand in den 80er Jahren in den USA und ist inzwischen auf der ganzen Welt vertreten. In deutschen Foren wie dem Pick Up Forum geben viele User an, Probleme damit zu haben, auf jemanden zuzugehen. Außerdem schreiben viele der Artists, dass sie der Szene beigetreten sind, weil sie ihre sexuelle Aktivität steigern wollten.


Der Pick-Up-Szene eilt ein schlechter Ruf voraus. Denn die Taktiken, die dort zum Teil gelehrt und angewandt werden beruhen meist auf pseudo-psychologischen Maschen und sexistischen Stereotypen. Zeigt eine Frau* beispielsweise kein Interesse an einem Anmachversuch, dann sei das eine Herausforderung, die der gewitzte Pick-Up-Artist annehmen muss. “Challenge accepted” quasi. Nein heißt also nicht gleich nein; Belästigung und psychische Gewalt unter dem Deckmantel des Spiels. Das “Game” ist im Pick-Up-Jargon der Fachbegriff für den Verführungs-Prozess.


Zu unrecht verurteilt?

In Online-Foren können sich die Artists austauschen. Dort geben diejenigen mit mehr Erfahrung, auch “Gurus” genannt, den neuen Mitgliedern (“Anhängern”) Tipps und Tricks, wie sie bei Frauen* landen können. Gegen Geld kann man auch Coaching-Seminare besuchen, die als Mentoring-Programme aufgezogen werden.


Dabei distanziert man sich öffentlich immer wieder von den bekannten Vorwürfen gegen die Szene: Das eigentliche Ziel des Pick-Up sei die Persönlichkeitsentwicklung. Pick-Up soll das Selbstbild der Mitglieder stärken und sie so attraktiv machen. Begriffe wie “Alpha” und “Beta” liest man immer wieder, in Anlehnung an die hierarchischen Strukturen eines Wolfsrudels. Meistens wird aus einer nicht weiter definierten weiblichen* Sicht beurteilt, was attraktiv ist und was nicht. Wer sich durch die zahlreichen Foren und Websites klickt stellt schnell fest: Das Kernziel der Bewegung bleibt - mal mehr, mal weniger subtil beschrieben - Frauen* ins Bett zu bekommen.


Potenzielle Gefahren

Die Ideologien und Herangehensweisen der Pick-Up-Artists sind inzwischen auch in die Forschung angekommen. Die Soziologin Dr. Franziska Schutzbach sieht in dem Zusammenschluss männlicher Mitglieder, die sich über sexuelle Frustration und Misserfolge bei Frauen* beklagen eine mögliche Basis für politische Radikalisierung. Forscher*innen haben bereits Verbindungen zwischen der Pick-Up-Szene und Incels (Involuntary Celibate Men) festgestellt. Eine Community aus heterosexuellen cis Männern, die eine radikal frauen*feindliche Ideologie verfolgen. Auch Einträge mit rassistischen und nationalistischen Inhalten wurden im Zusammenhang mit Pick-Up-Foren gefunden.

Auf Anfragen der Redaktion an einzelne Mitglieder der Szene, hat es keine Antwort gegeben.


Wer in Köln Belästigung durch fremde Personen erfährt, kann sich an folgende Stellen wenden:

  • Polizeinotruf 110
  • EDELGARD mobil: 0221 / 221-27777
  • Nightline Köln: 0800/4703500
  • Lobby für Mädchen e.V.: 0221/45355650
  • Frauenberatungsstelle FrauenLeben: 0221/9541660
  • agrisa Köln e.V. (Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen): 0221/124019


Quellen:

  • Christina Schmidt (2015): “Pick-Up-Artists”: Ein fragwürdiges Phänomen von ‘Verführung’. Universität Würzburg
  • Schutzbach, Franziska (2020). Dominante Männlichkeit und neoreaktionäre Weltanschauungen in der Pick-Up-Artist-Szene. Feministische Studien 2, 305-321.
  • Bratich, Jack & Sarah Banet-Weider (2019). From Pick-Up-Artist to incels: Con(fidence) Games, Networked Misogyny, and the failure of neoliberalism. International Journal of Communication 13, 5003-5027.
  • Asta Uni Köln
  • https://www.pickupforum.de/





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