Leitung: Daniel Küthe

magazin@koelncampus.com

Frühstückslektüre | Smartphone-Safari

Verfasst von Ronja Wirts am

Smartphones stehlen uns unsere Zeit. Ständig daddeln wir an unseren Handys herum, scrollen durch irgendwelche Sozialen Netzwerke und lassen uns selbst und unseren Gedanken kaum noch Zeit zum Atmen. Ehrlich gesagt regt mich das selber auf, aber so richtig ändern tue ich es auch nicht. Irgendwie macht man ja doch immer mit, zieht im Bus, in der Warteschlange oder an der Bahnhaltestelle doch immer wieder sein Handy raus. Da ich letzten Freitag keine Uni hatte, oder sonst irgendwie arbeiten musste, beschloss ich die Gelegenheit beim Schopf zu greifen und die freie Zeit für ein kleines Experiment zu nutzen. Eine Smartphone-Safari. Wie würde sich mein Zeitgefühl verändern, wenn ich einen Tag lang probiere meine Handy-Nutzung zu minimieren?

08:15 Mein Experiment beginnt viel zu früh am Morgen. Ich habe mir vorgenommen auszuschlafen, denn am Abend vorher ist es spät geworden. Blöd nur, dass mein bescheuerter Handywecker mir einen Strich durch die Rechnung macht. Den hatte  ich vergessen auszustellen und die nervig-fröhliche Melodie fährt mir durch den Körper wie Messerstiche. Noch im Habschlaf, mit geschlossenen Augen und ein bisschen verkatert, krieche ich aus meinem Bett und robbe auf mein lärmendes Endgerät zu. Das liegt blöderweise am anderen Ende des Zimmers. Wie ein Raupe in meine Decke eingewickelt arbeite ich mich vorwärts und schlage heftiger als nötig auf den Deaktivieren-Button. Das Handy verstummt und es ist endlich wieder ruhig in der Wohnung. Blöd nur, dass der Wecker sein Werk getan hat. Ich bin viel zu wach, um wieder einschlafen zu können. Widerwillig stehe ich auf und verfluche mein Smartphone für seine Verlässlichkeit. Kann ja eigentlich nicht schaden, einen Handy-abstinenten Tag mit hasserfüllten Gedanken gegenüber seinem Handy zu beginnen, oder?

08:30 Erste signifikante Entdeckung gemacht. Eigentlich höre ich beim Joggen immer eine Sportplaylist oder Nachrichtenpodcasts. Heute habe ich, meinem Experiment zu liebe, darauf verzichtet. Stattdessen laufe ich ganz ohne musikalische Untermalung durch Kölns morgendliche Straßen und ich muss ganz ehrlich sagen – es fällt mir viel schwerer als sonst. Sonst habe ich immer Musik, die mich von der körperlichen Anstrengung ablenkt. Heute bin ich alleine, alleine mit den Straßengeräuschen, meinem keuchenden Atem und meinem inneren Schweinehund. Ich verkürze die Runde ein bisschen und rechtfertige mich mit dem Gedanken, dass ich immer noch ein bisschen dehydriert vom Abend davor bin. Oder dass ich noch kein Frühstück hatte. Ach ist das nicht toll, wenn man für alles so viele Ausreden findet?

09:00 Auch beim Duschen verzichte ich auf etwaige musikalische Untermalung und ich muss sagen – mir fallen die kreativsten Gedanken ein. Normalerweise schwören die Leute ja immer auf die Gedanken, die einem auf der Toilette kommen. Aber Duschgedanken, Leute! Duschgedanken sind das Konzept der Zukunft. Mir fällt sogar eine Geschenkidee für meinen Freund ein, etwas was  sich sonst als beinahe unmöglich herausstellt. Blöd, dass der leider erst wieder in 11 Monaten Geburtstag hat…

10:00 Ich tue es. Ich lese dieses exotische, papierene Etwas, das sich eine Zeitung nennt. Normalerweise scrolle ich beim Frühstück immer durch meinen Facebookfeed und suche mir da die Nachrichten raus, die mich interessieren. Heute komme ich mir, mit meinem bedruckten Ungetüm beinahe vor wie ein etwas in die Jahre gekommener, intellektueller Herr. Fehlt nur noch eine Hornbrille. Das Format der Zeitung stört mich. Verglichen mit meinem kleinen, handlichen Handydisplay ist es viel zu groß. Ich tunke die eine Ecke beim Lesen unfreiwillig in meinen Tee und die andere kriegt etwas Butter ab. Dafür ist die Nachrichtenvielfalt größer und nach ein paar Artikeln stellt sich bei mir sogar das Gefühl ein, mich irgendwie weiter gebildet zu haben. Keine Ahnung wo das herkommt.  Muss am Format liegen oder so.

12:00 Statusupdate: Der Tag kriecht so vor sich hin und die Entwicklungen werden immer erstaunlicher. Ich fange an aufzuräumen, aus purer Langeweile. Sollte ich mir jetzt Sorgen machen?

14:00 Ich gehe Hefe einkaufen. Das bisherige Highlight meines Tages. Mein Handy lasse ich tapfer in der Wohnung zurück. Im Laden zuckt meine Hand erstmal wie selbstverständlich zu meiner Manteltasche, um mir meine Einkaufsliste auf dem Smartphone anzusehen. Echt traurig, wenn man bedenkt, dass darauf bloß ein einziges Wort stehen würde. HEFE. Sollte doch eigentlich nicht so schwer zu merken sein, oder?

16:00 Ich fange an zu schummeln. Bis jetzt bin ich so produktiv gewesen, habe ein Buch zu Ende gelesen, Wäsche zusammengelegt und mir etwas zu Essen gekocht. Dabei habe ich das Radio aufgedreht – zwar auf dem Laptop, aber solange die Musik nicht übers Handy lief, fühlte ich mich noch, als würde ich mich an meine eigenen Regeln halten. Jetzt ertappe ich mich aber immer häufiger dabei, wie ich kurze Blicke auf mein Handy im Schlafzimmer werfe. Ich rede mir ein, dass das nötig ist. Ich bin am Abend mit Freunden verabredet und wie soll ich denn wissen, wo wir uns treffen, wenn ich nicht ab und zu meine Nachrichten checke? Dass ich nebenbei auch mehrere Snaps verschicke und anfange, durch Facebook zu scrollen, beschließe ich zu ignorieren. Ich war den ganzen Tag so abstinent, dass ich jetzt ruhig ein wenig nachgeben kann…

19:00 Mein Freund kommt nach Hause. Sollte eigentlich eine willkommene Ablenkung sein, wird aber zum Fluch, denn wir fangen an über Politik zu diskutieren. Ich will meine Argumente mit ein paar Statistiken stützen und suche diese natürlich prompt auf meinem Smartphone. Der Zeitpunkt, an dem ich aufgebe, ist gekommen. Jetzt bin ich auch noch zu spät dran für das Treffen mit meinen Freunden, werde mehrmals angerufen und gönne mir auf dem Weg dahin sogar etwas Musik über Spotify. Es ist zwar erstaunlich, wie lange sich der Tag mit minimiertem Handygebrauch anfühlt. Aber ganz ohne geht es dann leider irgendwie doch nicht.

Zurück zur Übersicht

Sag's weiter: