Leitung: Daniel Küthe

magazin@koelncampus.com

Storyteller I Geschichten aus dem Waschsalon

Verfasst von am

„Ich jonn su unwahrscheinlich jähn met dir en der Waschsalon“: Schon 1981 hat BAP mit „Waschsalon“ eine Hymne an die fabelhaften Industriewaschmaschinen geschaffen, die sogar ein paar praktische Gebrauchsanweisungen enthält („Ich dunn die Wäsch drinn, do die Knete, dann routiert dä Lavamat“). Dabei birgt der besungene Ort nicht nur bloße Textilreinigung, sondern mehr skurrile Begegnungen als jede Fahrt mit der KVB. Ein kleiner Einblick in die Welt der Trockner und Trommeln – und die Menschen dahinter.

(CC-0) Wokandapix / pixabay.com

Dieser Weg wird kein leichter sein

Es gibt genau zwei technische Gerätschaften, die kategorisch etwas gegen Menschen zu haben scheinen: Drucker und Waschmaschinen. Egal welcher Knopf gedrückt und welches Waschmittel eingefüllt wird – nach einer halben Stunde hörte das Mistding auf zu rödeln und stellte sämtliche Tätigkeiten ein. Die Unfähigkeit im Haushalt ist eventuell auch genetisch begründet. Schon mein Vater hat einst eine Fußmatte mitsamt Gummiunterlage nichtsahnend bei 60 Grad gewaschen und sich über das geschmolzene Plastik gewundert. Höchste Zeit, einen Ort aufzusuchen, wo meinem akuten Dreckwäscheproblem Abhilfe verschafft werden soll. Mein Ziel befindet sich idyllisch gelegen neben einem Sonnenstudio der günstigeren Variante, gegenüber liegt ein mehrstöckig angelegter Sexshop. Der Weg ist zwar kurz, aber beschwerlich – die Ikea-Tasche mit meiner Wäsche ist schwer, die Ampeln rot und jemand hat direkt vor die Tür des Waschsalons gekotzt. Hach, Köln.

Kein Kleingeld, kein Waschmittel

Einmal angekommen, offenbart sich mir eine Oase der Reinlichkeit. Ein paar Maschinen rattern gemächlich vor sich hin, es ist warm und duftet nach Persil. Zumindest bis ich meinen Wäscheberg in eine der Trommeln hinquetschen will - aus Waschmaschine Nr. 2 von 22 steigt ein beißender Gestank empor. Auch das Bezahlen enthält auf den zweiten Blick Hindernisse: Niemand kann mir 20 Euro wechseln, und somit betrete ich freitagmorgens zu einer absolut unchristlichen Stunde verschüchtert den Sexshop in der Hoffnung auf Kleingeld. Schließlich läuft das Ding – allerdings ohne Waschmittel, wie mir nach zwei Minuten auffällt. Mein hektisches Herumgewusel wird von den Anwesenden kritisch beäugt. Aller Anfang ist schwer.

Sicheres Auftreten und völlige Ahnungslosigkeit

Was als Übergangslösung angedacht war, wird zum Ritual: Schon bald bin ich quasi professionelle Waschfachkraft, bediene die Maschinen im Schlaf (for real, Waschen vor zehn Uhr ist günstiger) und genieße die 45 Minuten Wartezeit mit Frühstück und Thomas Mann auf der Waschmaschine sitzend. So schön kann Haushalt sein. Meine neu gewonnene Expertise gebe ich bereitwillig an Neuankömmlinge und Wasch-Laien weiter. So auch an einen überforderten jungen Mann, der straight von Mutti zu seiner Freundin gezogen war und kleinlaut fragt, ob er wirklich nicht seine neue schwarze Jeans mit der weißen Seidenbluse zusammen waschen könne. Ich rate vehement davon ab, und es entsteht eine ausufernde Diskussion, die er hoffentlich mit seiner Freundin zuende führen konnte. Fazit nach zwei Monaten Waschsalon: Es gibt erstaunlich viele Menschen mit Redebedarf.

Köln in a nutshell

Und das nicht bloß auf Deutsch. Schon bald prasselt ein Wortschwall in abenteuerlichem Deutsch-Türkisch auf mich ein, und bis auf ein zaghaftes „Hadi tschüss“ kann ich der aufgeregten Dame leider nichts entgegnen. Der Waschsalon am Hansaring ist Kölns wahrhaftiger Melting Pot. An einem einzigen Morgen tigern drei laut auf russisch diskutierende Männer durch den Laden, während sich ein türkisches Ehepaar vermutlich über den Trockner echauffiert und ein Senior einer Dame mit Kopftuch von seinem Dürüm vorschwärmt (am späten Vormittag). Eine weitere Dame telefoniert auf spanisch und versucht parallel dazu, das Trocknerproblem des Ehepaars zu lösen.

Nach einem halben Jahr Waschsalon bekommt man das Gefühl, den perfekten Querschnitt der Gesellschaft gesehen zu haben. Jeder kommt hier her: Die Dame mit dem teuren Pelzmantel, Obdachlose, ahnungslose Erasmusstudierende und durchorganisierte Waschkolonnen mit Bollerwägen. Zahlreiche Gespräche werden geführt – über die perfekte Waschtemperatur für Unterwäsche, das Flusensieb am Trockner und darüber, wie um alles in der Welt man eine Daunendecke in die Waschmaschine reinbekommt (plot twist: gar nicht). Ich wurde Zeuge von verheerenden Ehestreitigkeiten, befremdlichen Instagram-Fotoshootings vor den Wäschetrommeln und mutmaßlichen Wäschediebstählen. Sogar zum Tanzkurs wurde ich mal eingeladen. Für drei Euro pro Waschgang gibt es vor allem eins: Ganz großes Kino.

Zurück zur Übersicht