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Glühbirne | (K)eine Erfolgsstory

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Seit Harry Potter träumt jeder von dem einen Brief, der das eigene Leben grundlegend verändert. Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass für mich dieser Brief die Absage der Journalistenschule ist.

(CC-0) stevepb / pixabay.com

„Man sagt ja, vor dem Tod läuft das Leben wie ein Film vor einem ab. Ich bin mir sicher, bei mir ist es eine Fail-Compilation“, schrieb ich vor dem Abiball in mein Tagebuch. Das war knapp fünf Minuten nachdem ich voller Vorfreude einen Brief der Kölner Journalistenschule öffnete – eine Absage.


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Mit knirschenden Zähnen erzählte ich am Abend davon. Ich war bereit für höfliche und trotzdem oberflächliche Aufmunterungsversuche. Zu meiner Verwunderung folgten zahlreiche Geschichten meiner Lehrer*innen über Kunsthochschulen und Akademien, an die sie nicht gekommen sind. Sie erzählten von Traumberufen, die gar keine waren, von kopfschüttelnden Eltern, verständnislosen Freunden und einem ratlosen Spiegelbild. Es war großartig. Ich zumindest interessiere mich seitdem weniger für das, was Menschen erreicht haben, sondern auf welchem Weg. Und dazu gehört auch, was alles nicht geklappt hat.

Scheitern ist ok – jeder tut das

Über Erfolge reden schmeichelt zwar dem eigenen Ego. Aber über Misserfolge reden ist in den meisten Fällen viel interessanter und auch befreiend. Es liegt in der Natur des Themas. Wer über sein Scheitern reden darf, muss nicht aufpassen, welchen Eindruck er macht. Stillschweigend scheint unser Alltag von der Haltung dominiert zu werden, dass immer alles funktionieren muss. Alles muss im Fluss sein. Ob beim Smalltalk in der Uni oder der Familienfeier, wir haben unseren eigenen „Alles läuft nach Plan“-Pressetext über den aktuellen Stand unseres Lebens. Statt über eine Absage zu reden, sagen wir in den meisten Fällen lieber gar nichts. Dabei würde häufigeres und lockeres Reden über Misserfolge helfen, auch lockerer damit umgehen zu können.

Lebenslauf des Scheiterns

Gerade in der Arbeitswelt gilt die Norm des gradlinigen und lückenlosen Lebenslaufs. Damit bricht der Princeton Professor Johannes Haushofer, der einen Lebenslauf des Scheiterns veröffentlichte.

Most of what I try fails, but these failures are often invisible, while the successes are visible. I have noticed that this sometimes gives others the impression that most things work out for me

Eigentlich war seine Aktion zur Aufmunterung einer Freundin gedacht. Aber er trifft auch bei vielen Anderen einen Nerv. Sein Text wird in etlichen Facebook- und Twittertimelines geteilt. Ihn erreichen Mails, in denen Menschen erzählen, wie sehr ihnen seine Aktion geholfen hat.

Mit erfolgreichen Menschen über das Scheitern reden, dachte sich auch Maggie Herker. Seit letztem Jahr füttert sie regelmäßig ihren YouTube-Channel „Scheitern für Anfänger“ mit Interviews. Zu ihren Gästen zählen bislang unter anderem Rapper Curse, Videoregisseur Mikis Fontagnier oder aber Schauspieler Ralf Moeller.

Better done than perfect

Ein anderes Beispiel: Für einen Wettbewerb sollte ich mit meiner Pfadfindergruppe ein Vogelhaus bauen. Mein erster Gedanke war: „Ich werde die Art und Weise, wie die Menschheit Vogelhäuser sieht, für immer verändern“. Ich downloadete zahlreiche Bauanleitungen und verglich im Baumarkt verschiedene Holzarten. Nichts hat mich überzeugt. Ich vertagte die Arbeit an meinem die Welt verändernden Vogelhaus und verpasste die Teilnahmefrist des Wettbewerbs.

Ein wichtiger Schritt sich dem Scheitern anzunehmen, ist die Angst davor zu verlieren. Denn es geht Hand in Hand mit der von Perfektionismus angetriebenen Prokrastination. Viele meiner Freunde sagen auch oft, dass sie den Zeitdruck bräuchten um bestimmte Dinge fertig zu bekommen. Das stimmt, aber für manche Dinge gibt es keine Deadlines.

Also weg mit der „Perfekt oder gar nicht“-Attitüde und öfter „Einfach mal machen“ denken. Ob beim Studium oder allem anderem, was das Leben liebens- und lebenswert macht: Misserfolg und Erfolg gehören zusammen wie Ein- und Ausatmen. Und ich denke, wir sollten aufhören so zu tun, als gäbe es das eine ohne das andere.



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