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Frühstückslektüre | Die Leiden des jungen Studierenden

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Der studentische Sorgenkatalog hat viele Kapitel: Liebeskummer, leeres Bankkonto oder unangekündigter Besuch der Eltern. Ein eher junges Thema: Gehirndoping. Um Konkurrenzkampf und Leistungsdruck gerecht zu werden, greifen Studierende häufiger zu Medikamenten. Weswegen Sozialwissenschaftler*innen immer mehr die Frage diskutieren: “Wen und was behandeln wir da eigentlich?”

(CC BY 2.0) marcoverch / flickr.com

Nach der Klausur ist vor der Hausarbeit oder umgekehrt. Auch wenn viele die ersten Klausuren bereits geschrieben haben, nähert sich die nächste Deadline oftmals in großen Schritten. Manche stresst das so sehr, dass sie sogar zu verschreibungspflichtigen Medikamenten greifen – ohne ärztliche Verordnung. Spitzenreiter im Gehirndoping sind im Übrigen Medizin- und Soziologiestudierende.

Leistungsdruck oder Leistungsschwäche?

Statt “Gehirndoping” nennt die Wissenschaft dieses Phänomen “Cognitive Enhancement”. Streng genommen handelt es sich dabei um die kognitive Leistungssteigerung ohne medizinische Notwendigkeit. Stellt sich natürlich die Frage, ab wann gilt etwas überhaupt als “medizinisch notwendig”? Diesen Gedanken greift Medizinsoziologe Peter Conrad in “The medicalization of society” auf.

'Medicalization' describes a process by which nonmedical problems become defined and treated as medical problems, usually in terms of illness and disorders.


Im Klartext heißt das, ab wann aus Leistungsdruck durch das Bildungssystem eine Leistungsschwäche des Einzelnen wird, hängt auch von der gesellschaftlichen Erwartungshaltung ab. Es kann also sowohl Fluch als auch Segen sein, dass wir uns in fast jeder Situation medikamentös weiterhelfen können.

Don't hate the player, hate the game?

Die eigenen Ideale und die Realität in Einklang zu bringen, ist nicht immer leicht. Gerade in Situationen in denen es um die eigene Zukunft geht, ist vieles (leider) einfacher gesagt als getan. Denn komplett unberührt lässt uns unser soziales Umfeld nicht. Ein prominentes Beispiel im noch jungen Forschungsfeld des Cognitive Enhancement stammt aus dem Wissenschaftsmagazin “nature”. Laut deren Umfrage will eine Mehrheit nicht, dass gesunden Kindern leistungssteigernde Medikamente gegeben werden. Wenn sie aber wüssten oder bloß vermuten, dass andere Eltern ihren Kindern solche Medikamente geben, würden sie sich unter Druck gesetzt fühlen, es doch zu tun. Der Soziologieprofessor Uwe Schimank argumentiert, dass der breite Ökonomisierungsdruck in gesellschaftlichen Teilbereichen dazu führt, dass wir uns ersetzbar fühlen. Für uns bedeutet das: Haben wir das Gefühl den Leistungsanforderungen der Universität oder zukünftiger Arbeitgeber nicht zu erfüllen, tut es (womöglich) jemand anderes.

Blaue oder rote Pille? 

Kommen wir also zu der Frage zurück: Wer behandelt hier eigentlich wen und warum? Sind es wirklich die Studierenden, die leistungssteigernde Medikamente brauchen oder ist es eine Reaktion auf übertriebene oder sogar unrealistische Leistungsanforderungen? Den Meisten gelingt das Einhalten der Deadlines möglicherweise noch mit Kaffee. Leugnen, dass aus Bachelor of Science schnell ein Bachelor of Selbstzweifel wird, kann aber sicherlich niemand ganz.


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