Leitung: Jenny Lange

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Unwiderstehlich

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"Kommt ein hochrangiger Polit-Manager auf eine Kleinstadt-Farm..." - Das könnte der Anfang eines mehr oder weniger lustigen Witzes sein, den man abends beim dritten Bier selbstbewusst beginnt zu erzählen - und dann vergisst wie es weitergeht. Um die Freunde zu beschwichtigen, stammelt man noch: "Nein, warte, gleich hab ich's... verdammt, was sagt der dann noch mal?".  Und am Ende kommt man dann doch noch auf die Pointe, die auch reeeelativ witzig ist, aber bei dem Rest der Gruppe nach dem flauen Mittelteil nur noch so semi-gut ankommt...

So oder so ähnlich hat sich auch IRRESISTIBLE, der neue Film von Jon Stewart, angefühlt. Den meisten ist der Regisseur wahrscheinlich noch als Host des amerikanischen Late-Night-Formats "The Daily Show" bekannt, bei der er 16 Jahre lang erfolgreich das wöchentliche Geschehen der amerikanischen Politik kommentiert hat. Hier war er bekannt dafür, dass für ihn nicht nur Unterhaltung im Vordergrund stand, sondern auch die Vermittlung eines kritischen Bewusstseins für Politik. Kein Wunder also, dass er sich auch in seinem zweiten Kinofilm wieder in diesem Bereich bewegt:

IRRESISTIBLE handelt von Gary - einem resoluten Kampagnenchef der Demokraten in Washington,  den das Debakel der letzten Präsidentschaftswahl umtreibt. Dessen Wiederholung will er jetzt mit allen Mitteln verhindern. Wie passend, dass er durch ein Youtube-Video auf einen neuen Lichtblick stößt: Jack Hastings (Chris Cooper), der in einem viralen Video als gestandener Kleinstadt-Farmer und Ex-Marine mit Herz auftritt, indem er vor den lokalen Politikern Immigranten verteidigt. Außen konservativ, innen progressiv. Genau das, wonach Gary sucht! Und ehe er sich versieht, steht er schon in Wisconsin neben Jack auf der Farm und hilft ihm beim Heu umschichten, um ihn als neues Kampagnengesicht der Demokraten für den Swing-State zu gewinnen.



Dem grummeligen Farmer Jack ist der urban-überhebliche Gary jedoch nicht ganz geheuer. Schließlich willigt er aber trotzdem ein und Gary beginnt die Kleinstadt politisch aufzumischen, was wiederum in Washington nicht an der republikanischen Kampagnienführerin Faith (Rose Byrne) unbemerkt vorbeigeht. Stück für Stück wächst in der ländlichen Kleinstadt ein Wahlkampf im großen Stil, der die teilweise perfiden Wahlkampfstrategien beider Seiten zynisch beleuchtet. Und während hier aus der Hauptstadt immer mehr Geld in das Wettrennen gepumpt wird, in dem es längst nicht mehr nur um Wisconsin geht, endet es für die beiden Großstädter Gary und Faith am Tag der Wahl in einer großen Überraschung, der nicht nur sie, sonder Wahlkampf-Politik im Allgemeinen entlarvt... oder entlarven soll.

"Irresistible" startet vielversprechend - ein Blick hinter die Kulissen des Wahlkampfs in den USA als spannendes Thema, der charismatische Steve Carrell (bekannt aus "The Office") in der Hauptrolle - und scheint dann zu vergessen, wie der Witz weitergeht. Das Thema Wahlkampf und "Demokraten gegen Republikaner" entwickelt sich im Laufe des Films zu einem losen roten Faden, der teilweise nur eher alberne Gags zusammenhält. Dabei muss man allerdings die schauspielerische Leistung des Ensembles hervorheben - vor allem Steve Carrell bewegt sich in selbstbewusster "The Office"-Manier mit trockenem Humor durch den Film. Auch rettet das Ende den Film mehr oder weniger, da es tatsächlich zum eigentlichen Thema des Films zurückkommt und Erwartungen bricht. Aber nach dem langen, eher flachen und offensichtlichen Mittelteil, wirkt sich diese Wendung allerdings nur milde auf den ganzen Film aus.
Leider spielt auch die aktuelle Covid-19-Krise dem Film - vor allem in den USA - nicht unbedingt in die Karten, da er massiv Aktualität und Relevanz einbußen muss. In den Staaten musste der Film sogar auf einen Kinostart verzichten - dort startete er nur online.
Bei uns in Köln könnt ihr "Irresistible" ab sofort im Rex oder Filmpalast sehen.

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