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Die Kinder der Utopie

Verfasst von am

Natalie, Hubertus Siegert, Luca
M. Bothor
Natalie, Hubertus Siegert, Luca

Utopien zeichnen eine alternative Welt, konstruieren eine andere Gesellschaftsordnung und überlegen, was sich ändert, wenn man sich von bestimmten Strukturen löst. „Die Kinder der Utopie“ (2019) vom preisgekrönten Regisseur Hubertus Siegert, unter anderem bekannt durch Berlin Babylon, zeigt eine Utopie, die nicht so weit von unserer Realität entfernt – eigentlich entwirft er gar keine komplett neue Welt, er zeigt nur einen Teil der Unsrigen, der für viele vielleicht nicht ganz so präsent ist.   

Es geht in dem Dokumentarfilm um sechs junge Erwachsene, die gemeinsam eine Grundschul-Inklusionsklasse besucht haben. Sie treffen sich nach zwölf Jahren wieder, tauschen sich über ihr jetziges Leben aus und blicken auf ihre Grundschulzeit zurück. Dabei schwelgen sie nicht nur in Erinnerungen, sie können auf ihr Vergangenheits-Ich schauen: „Die Kinder der Inklusion“ ist nämlich bereits der zweite Dokumentarfilm über ihre Schulzeit. „Klassenleben“ (2005) heißt der erste Teil und ist „Kult unter den Inklusionslehrern“ wie der Kölner Verein mittendrin e.V. anmerkt, der sich seit 13 Jahren für inklusive Bildung einsetzt und bei der Pressevorführung als Trägerverein anwesend war. Der Film dokumentiert den Alltag in der Berliner Klasse. Die Fläming-Grundschule gründete als erste Schule schon 1975 inklusive Klassen, teilweise mit schwerbehinderten Kindern, und war damit eine absolute Neuheit.

Klassenfoto 2004
Wolfgang Borrs
Klassenfoto 2004

Zwölf Jahre später schauen die sechs jungen Erwachsenen im neuen Film „Die Kinder der Utopie“ Szenen aus „Klassenleben“ und damit zurück auf ihre Schulzeit. Drei von ihnen haben seit Geburt eine Einschränkung, drei nicht. Sie sind alle Anfang 20, stehen entweder schon halb im Leben oder suchen noch ihren Platz in der Welt. Der eine ist schon erfolgreich als Musical-Schauspieler, der andere hadert noch was er studieren will. Neben dem Thema Inklusion geht es in dem Film auch um simple Dinge, wie Erwachsenwerden und sich selbstfinden – am Beispiel von sechs sehr unterschiedlichen Menschen, die ganze unterschiedliche Dinge vom Leben wollen.

Sie beschreiben auch, wie ihre Grundschulerfahrungen ihr Leben geprägt haben. Johanna, die eine Ausbildung zur Altenpflegerin macht, sagt: „Ich bin so dankbar für meine Grundschulzeit. Ich wollte mich immer respektiert und angenommen fühlen wie alle anderen auch. Ich wollte mich ‚normal‘ fühlen.“ Die Sechs beschreiben oft, dass sie eine besondere Form der Gemeinschaft und des Zusammenhaltes in der inklusiven Klasse erfahren konnten. Christian, der nach einem Studienwechsel jetzt Psychologie studiert, drückt es so aus: „Dadurch, dass es Grundbestandteil des Klassensystems war, war es akzeptiert, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt im Lernen. Diese Akzeptanz ist wichtig. Das war eben später dann nicht mehr so.“

Eine abschließende Bewertung des viel diskutierten Themas Inklusion gibt der Film aber nicht. Er greift auch nicht die Kontroversen auf oder lässt Experten sprechen – er zeigt einfach das Leben von Menschen, die mit Inklusion aufgewachsen sind und lässt die sprechen, die sie er- und gelebt haben. Wer also Antworten sucht, wird sie vielleicht nicht unbedingt im Film finden, aber sehen, dass Inklusion funktionieren kann, wenn man es einfach mal versucht.

Eine weitere Besonderheit: Der Film läuft nicht normal in den Kinos an, sondern wird nur an einem Abend in deutschen Kinos gezeigt – am 15. Mai. Die Kampagne ist dabei „Kino on Demand“: Heißt wer den Film in seiner Stadt sehen wollte, konnte dies über die Internetseite anfragen. Ben Kempas, der strategische Leiter der Kampagne begründet diese Art der Veröffentlichung so: „Mit dem Fokus auf einen einzigen Abend erhöhen wir die Öffentlichkeitswirkung. Und die Reservierungen […] beweisen die große Nachfrage.“ Zudem würde so zum ersten Mal das Prinzip von „Cinema on Demand“ in deutschen Kinos ausprobiert werden.

Regisseur Hubertus Siegert fasst es so zusammen: „Die Inklusion ist genau die Herausforderung, die die Weiterentwicklung der Schule braucht. Ich bin überzeugt, es gibt für den Film und dieses Thema keinen besseren Weg als unseren geplanten Kinoabend in ganz Deutschland, um möglichst viele Menschen emotional und informativ zu erreichen, um die bildungspolitische Debatte produktiv zu gestalten.“

„Die Kinder der Utopie“ erscheint am 15. Mai und ist nur an diesem Mittwoch in den Kinos zu sehen. In Köln zeigen das Odeon (18 Uhr), der Filmpalast Köln (19 Uhr) und das Cinenova (auch 19 Uhr) den Film mit anschließendem Publikumsgespräch.

Weitere Infos: www.diekinderderutopie.de

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