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Das Berlinale-Wochenende

Verfasst von Lukas Schulze Beiering am

Sechs Filme habe ich an den vergangenen zwei Tagen geschafft; weniger als ich mir vorgenommen hatte, aber ausreichend um mich doch voll zu auszulasten... 

Armie Hammer und Geoffrey Rush in Stanley Tuccis "Final Portrait"
© Parisa Taghizadeh
Armie Hammer und Geoffrey Rush in Stanley Tuccis "Final Portrait"

Mit “Final Portrait“ am Samstag ging es los. Der Titel ist zweideutig: Stanley Tucci portraitiert hier den großen Künstler der Moderne Alberto Giacometti im Jahre 1964, zwei Jahre vor dessen Tod. Inhaltlich wiederum geht es im Film um den Entstehungsprozess eines der letzten Bilder das Giacometti in seinem Leben malte. Portrait stand ihm der Kunstkritiker James Lord, auf dessen Buch Tuccis Film maßgeblich basiert. “Final Portrait“ besticht durch eine eindrucksvolle Ästhetik, wie die sehr dynamische Kameraführung und die Farbpalette, die sich klar an der Giacomettis orientiert. Absolut herausragend ist allerdings Geoffrey Rush als der exzentrische Künstler höchstselbst.
 

Jörg Hartmann und Josef Hader in "Wilde Maus"
© WEGA Film
Jörg Hartmann und Josef Hader in "Wilde Maus"

Wilde Maus von Josef Hader ist eine österreichische Komödie über einen Wiener Musikkritiker, der nach 25 Jahren seine Frestanstellung verliert, weil die Zeitung ihn mit seinem alten Vertrag nicht mehr leisten kann. Der sinnt daraufhin auf Rache und lässt das vorerst am Auto seines Vorgesetzen aus. Dazu drängt ihn seine Frau auf ein gemeinsames Kind. Eine komische Situation jagt die nächste und dabei wird es stetig absurder. Josef Hader spielt selbst die Hauptrolle und beweist hier nicht nur sein Talent für Witz und Schauspiel, sondern auch als Filmemacher. Wilde Maus ist zwar kein weltbewegendes Kino, aber wirklich lustig und charmant.

Szene aus Viceroy's House
© Kerry Monteen / Bend It Films / Pathé
Szene aus Viceroy's House

Viceroy's House ist ein opulenter Historienfilm über die letzten Tage der britischen Besatzung Indiens am Hofe des Vizekönigs. Die tragische Teilung Indiens mit all ihren maßgeblich beteiligten historischen Figuren ist eine spannende Geschichte, die Regisseurin Gurinder Chadha gekonnt zu erzählen weiß. Die schöne Ausstattung und beeindruckenden Sets würden die Sache abrunden, wäre da nicht diese unnötige Liebesgeschichte die vor allem zum Ende hin arg kitschig daherkommt.

Casting JonBenet - wer darf JonBenet Ramsey spielen?
© Netflix / Michael Latham
Casting JonBenet - wer darf JonBenet Ramsey spielen?

Casting JonBenet wird wohl nicht unsere Kinos kommen, dafür aber schon bald von jedem bequem zuhause abrufbar sein. Vorausgesetzt man hat ein Netflix-Abo. Der Video-on-demand-Anbieter hat die Dokumentation über den nie aufgeklärten Mord an der sechsjährigen JonBenet Ramsey produziert und sich versucht sich hier an der Herangehensweise des Reenactments. Es werden Schauspieler für die Rollen der Familie Ramsey gecastet; während des Castings sollen die aber zunächst ihre Version der Geschichte und ihre Motivation für die Rolle darlegen. Aus den unterschiedlichen Schilderungen entsteht langsam ein größeres Mosaik, aus dem sich der Zuschauer sein eigenes Bild der Geschichte machen kann. Diesen Interviews werden dann durch Spielfilmsegmente ergänzt, mit eben jenen Schauspielern aus dem Casting. Diese Segmente sind allerdings rar und auch wenn man sich zu Beginn des Films noch auf die Teile freut und sich fragt was wohl als nächstes inszeniert wird, hätte man sie besser gleich weggelassen, denn auf ganzer Länge überzeugen die kein bisschen. Vor allem die seltsame Schlusssequenz verwirrt nur und steht dem dokumentarischen Teil im Wege.

Leider fällt "La Reina de España" bloß durch Penélope Cruz' Dekolleté auf
© Gyorgy Stalter
Leider fällt "La Reina de España" bloß durch Penélope Cruz' Dekolleté auf

Der Sonntag endete spanisch bzw. spanisch-sprachig. "La Reina de España" und "Una mujer fantástica" sind beides Filme über Frauen, wie sie aber unterschiedlicher nicht sein könnten.
Aus "La Reina de España" bin ich nicht wirklich schlau geworden. Ich glaube der Film wollte eine Art Komödie sein, war mit seinem Humor aber sehr speziell und größtenteils nicht mein Fall. Ein wenig ist mir wahrscheinlich auch der Sprachbarriere wegen abhanden gekommen. Ich habe jedenfalls nur sehr selten gelacht. Der Film ist eine Fortsetzung zu Fernando Truebas "La niña de tus ojos" über die fiktionale spanische Schauspielerin Macarena Granada, die mittlerweile ein Weltstar ist. Gegen Ende des Franco-Regimes soll diese einen Film über Isabella I. von Kastilien drehen.

Daniela Vega als Marina in "Una mujer fantástica"
Daniela Vega als Marina in "Una mujer fantástica"

"Una mujer fantástica" war dagegen ein wirklich gelungenes Drama über die Transgender-Frau Marina, die versucht ihr Recht auf Trauer und Anerkennung in der Gesellschaft durchzusetzen. Marina verliert zu Beginn des Films ihren Partner Orlando plötzlich durch ein Aneurysma. Orlando hatte Marina wegen seine Familie verlassen und die verweigert Marina nun das Beisein an der Totenwache und der Beerdigung. Marina wird im Laufe des Films immer wieder gedemütigt und ausgegrenzt und doch lässt sie sich nicht aufhalten. Ein zufriedenstellender Abschluss!

Berlinale

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