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Erfahrungsbericht | Kaffee, Kippen, lange Nächte

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Vier Uhr morgens – das Skript ist fertig. Um fünf Uhr klingelt der Wecker. Soll ich mich für die eine Stunde nochmal hinlegen? Oder ist das Risiko, die Sendung zu verschlafen, dann zu hoch?

Kann man Verzweiflung in Stunden messen?
Tim Baumann (Koelncampus)
Kann man Verzweiflung in Stunden messen?

Ich schlurfe in die Küche, gähne herzhaft und fange an, mir Kaffee zu kochen. Während die Maschine blubbert und dabei akustisch irgendwie an eine schmatzig-feuchte Version des Geräuschs erinnert, mit dem sich mein erstes Modem vor unzähligen Jahren ins Internet eingewählt hat, trete ich auf den Balkon. Schnell eine rauchen, bevor der Muntermacher fertig ist. Ich seufze und friere ein bisschen, während die Zigarette, die heute Morgen irgendwie furchtbar schmeckt, vor sich hinschmaucht. Der Himmel über meinem Balkon beginnt schon langsam, grau zu werden.


Warum habe ich nicht früher angefangen?


Diese Frage begleitet mich durch die gesamte Ausbildung bei Koelncampus. Man sieht diese engagierten, energiegeladenen Jungs und Mädels – die würden sich nicht bis zum letzten Abend Zeit lassen mit dem Skript, nein, die nicht. Und selbst wenn es einem von ihnen mal passiert, weil ein Meteor in ihrem WG-Zimmer eingeschlagen ist oder sie sich einer Operation am offenen Herzen unterziehen mussten, dann würden diese Leute es einfach weglächeln und sich fröhlich an die Arbeit machen. Weil sie mit Leidenschaft dabei sind, weil ihnen Koelncampus unglaublich wichtig ist, weil keine Aufgabe in einer Sendung so unbedeutend sein kann, dass sich nicht eine dieser hoffnungslos in den Rundfunk verliebten Gestalten mit vollem Eifer darauf stürzen würde. Ich nehme noch einen Zug von meiner Zigarette und frage mich nun wirklich, warum die so scheiße schmeckt. Gut, ich habe heute Nacht wirklich extrem viel geraucht, ohne Rauchen kann ich einfach nicht denken, aber dass das nachher so schmeckt... Ich schaue im Halbdunkel auf meine Hand und stelle fest, dass ich die Kippe am Filter angezündet habe. Das erklärt einiges. Ich nehme noch einen Zug.


Ich fand Kölncampus von Anfang an toll


Beim ersten Treffen am Mäuerchen war ich so Feuer und Flamme, dass ich irgendwann morgens um vier völlig betrunken auf der Zülpicher Straße herumstand und mich gefragt habe, wie zum Henker ich jetzt nach Hause kommen soll – und ob ich nicht eigentlich zu alt für den Scheiß bin. Aber ich muss jedes Mal selig lächeln, wenn ich daran denke, dass ich bald wieder im Sender sein darf, um der übermüdete und nihilistische Teil des Freaky Friday zu sein. Alles ist schön und aufregend und neu. Und immer schlägt mein Herz einen Ticken schneller, wenn ich weiß, dass es jetzt gleich ans Mikro geht. Apropos Herzschlag, Zeit für den Kaffee. Scheiße, keine Küchenrolle mehr. Offensichtlich habe ich die Idee, mir schnell noch eine Kanne Kaffee aufzusetzen nicht zum ersten Mal gehabt. Die Kanne war noch voll – mein Küchenfußboden ist es jetzt auch. Ich hole mir Klopapier versuche so gut es geht, dem Meer aus Bohnensaft Herr zu werden. Jetzt Moses sein, dann könnte man es teilen und Stück für Stück aufwischen.


Ich warte auf die Verzweiflung


Ich war noch nie gut darin, schriftliche Arbeiten rechtzeitig zu erledigen. Also habe ich gestern Abend gewartet und mir mit sinnlosem Blödsinn die Zeit vertrieben – bis endlich der Druck, jetzt voran zu kommen, so stark geworden ist, dass er größer als die Versagensangst wurde – was würden sie sagen, wenn ich schlechte Mensatipps abliefere? Würde ich jemals im Leben wieder glücklich werden können? Stünde nicht an jeder Ecke ein KC-Hörer, der ins Ohr seines Nebenmannes raunen würde: „Guck mal, der – der hat damals die Mensatipps verkackt.“ Ich muss also auf die Verzweiflung warten – die gibt mir dann ein, was ich schreiben soll. Held der letzten Stunde nennen es einige – ich nenne es eine verdammte Scheiße. Jedes einzelne Mal läuft es so. Die ganze Woche immer wieder über die Aufgabe nachdenken, dann im entscheidenden Moment in Passivität und Selbstzweifel versinken bis sie endlich da ist, die süße Muse der Verzweiflung.


Katharsis


Als ich im Sender ankomme, werde ich von heißem Kaffee, Brötchen und dem großartigsten Morgenteam erwartet, das ich je kennenlernen durfte. Ich bin erschöpft und müde, ich habe meine Wohnung mit Klopapier geputzt, ich habe die Verzweiflung geküsst und bin wie Phoenix aus der Zigarettenasche auferstanden. Ich bin im Sender – ich bin on air - und ich bin glücklich.

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