Leitung: Vivian Bahlmann & Tim Bieler

blickwechsel@koelncampus.com

Ein Sommerabend, zwei kühle Bier und fünf junge Rechte

Verfasst von Julian Schmidt-Farrent am

Freitag, 22:30 Uhr, ein lauer Sommerabend. Zusammen mit einem Kumpel laufe ich nach einem Konzert noch zum Mäuerchen. Im Rucksack ein paar Bier und im Kopf schon der Traum von weiteren am Kiosk. Noch ahnen wir nicht, was da für Typen rechts neben uns sitzen. 

(CC-0) christianmauer / pixabay.com

Wir öffnen das Bier - Zisch! - und fangen an zu quatschen. Nach wenigen Minuten spricht uns ein Typ, nennen wir ihn Peter, von der Jungstruppe an. Er, sichtlich unter Alkoholeinfluss, reicht uns wortlos einen verkrümelten Flyer. Mein Kumpel und ich fangen sofort an zu lachen. In einer Mischung aus Abneigung und Ironie lesen wir gemeinsam in dem Blättchen herum, das sich als Programmflyer der AfD herausstellt. Da steht ganz viel von „Genderwahn“ und dass unsere Schulen alle Kinder homosexuell machen würden.

Peter hört derweil natürlich mit und setzt sich zu uns. Ganz offen - und ohne dass man ihm überhaupt eine einzige Frage gestellt hätte - fängt er an uns seine politischen Positionen nahe zu bringen.

Peter studiert nämlich Politik. Peter war mal in der SPD. Peter findet die SPD jetzt aber scheiße. Ich beginne zu ahnen, welche Partei Peter jetzt ganz und gar nicht scheiße findet. Anfangs dachte ich, er hätte uns den Flyer als Gag gegeben. Nach und nach verstehe ich, dass er in den einfachen Lösungen dieses Papiers seine neue Bibel gefunden hat.

Hab' ich jetzt Lust auf ein Gespräch mit so jemanden? Normalerweise hätte ich mich wahrscheinlich umgesetzt, Diskussionen mit Petry- und Höcke-Jüngern fehlen mir nicht im Leben. Aber wegen des Konzerts und bestimmt nicht zuletzt wegen des Biers bin ich gut gelaunt und möchte es mal wagen. Wie oft hat man schon die Gelegenheit, mit einem Wutbürger zu reden?

Zumal Peter einer von der Sorte Wutbürger ist, der studiert und betrunken in Lacoste-Pullover und rosafarbener „Mein-Vater-ist-Anwalt“-Chino fremde Leute anspricht.

Du hasst dich doch selbst!“

Und so fangen wir an zu diskutieren. Peter ist etwas laut und unbeholfen, aber freundlich. Manchmal tut der Alkohol seinen Dienst und ich muss Peter daran erinnern, dass ich ihn und seine Meinung auch ohne sein beständiges Schulterklopfen verstehe. Nach wenigen Minuten stoßen zwei Freunde von Peter hinzu und reden mit. Natürlich möchten sie vor allem meine Meinung zur Flüchtlingspolitik hören. Und natürlich stört es sie, dass ich in der Flüchtlingspolitik nicht wie sie einen Bevölkerungsaustausch sehe.

Sie verzweifeln. Wie kann der Typ das nicht verstehen? Peters Freunde möchten mir ganz simpel erklären, warum das Linkssein an sich komplett falsch sei. Sie wollen es mir einfach machen und stellen mir Fragen wie einem Kindergartenkind.

„Wer bist du? Was ist deine Identität?“- Ich antworte, dass ich der Julian sei und das war's. Erneutes Kopfschütteln. Meine Identität hinge doch mit meinem Umfeld zusammen, mit meiner Familie und meinen Freunden. Denen gegenüber müsse ich doch loyal sein. Klar, sage ich. „Ja und die Nation ist deine übergeordnete Familie. Der musst du loyal sein!“.

Nö. Ich bin zunehmend genervt und antworte, dass ich Loyalität eben höchstens gegenüber Freunden und Verwandten verspüre. Und wäre meine Familie scheiße, dann würde ich auch der nicht loyal sein.

„Dann hasst du dich selbst!“. Aha. Ich muss ich mich wohl in einer täglich wiederholenden Selbstgeißelung befinden. 

Peters Freunde merken, dass ich ihre Vorstellung einer deutschen Volksgemeinschaft nicht teile und wollen jetzt lieber ihre „Fakten" darstellen. Immer mit dem Ziel mir zu zeigen, wie böse alle Nicht-Europäer seien. Manchmal zitieren sie dabei Statistiken. Auf Nachfrage, woher sie die denn haben, verweisen sie auf große Medien wie den Spiegel oder die Süddeutsche.

Komisch. Von den täglichen Messerangriffen von Flüchtlingen, die sie immer als Beweis für eine vermeintliche Gefahr durch "den" Islam vorführen, habe ich bislang noch nichts in diesen Zeitungen gelesen.

„Ich glaube so was nicht, weil das System gegen mich ist.“

Wir kommen zum Thema Rechts- und Linksextremismus. Wenn sie Statistiken doch so lieben, warum nicht einfach mal über die erschreckend hohe Zahl von rechter Gewalt reden?

Aber da hört es dann auf einmal auf mit den Fakten. Peters Freunde wollen mit mir ungern über das Thema reden. Sie hätten noch nie etwas von solchen Zahlen mitbekommen. Ich schmunzele und sage, dass ich mir das nicht vorstellen kann. Sie, die doch so politisch gebildet seien, hätten noch nie etwas von solchen Statistiken gehört?

„Doch“, gibt einer von ihnen dann schließlich zu. „Aber ich glaube den Zahlen da nicht. Das kann alles manipuliert werden“. Ich entgegne, dass ihn das vorhin bei seinen Zahlenspielereien auch nicht gestört habe. Aber das wäre etwas anderes, denn: „Ja. Aber ich glaube so was nicht, weil das System gegen mich ist.“

Ich verstehe. Gegen die kann man nicht gewinnen. Trifft man eine empfindliche Stelle, wiederholen sie immer, ihre Aussagen seien einfach Fakten und sowieso die absolute Wahrheit. Und wenn die Floskel schon mal im vorherigen Satz verbraucht wurde, dann ist einfach das System an allem Schuld. 

„Verpiss' dich aus meinem Land!“

Aber das war's dann leider noch nicht. Während ich und mein Kumpel langsam keinen Sinn mehr darin sehen, mit den Jungen von rechts nebenan über Politik zu streiten, kommt ein Pfandflaschensammler von hinten. Er nimmt sich zwei leere Bierflaschen und legt sie in seine Plastiktasche. Prompt springt einer der Jungs auf und schreit ihn wie verrückt an.

„Du bist ein Dieb! Das ist meine Flasche, gib die sofort wieder her!“. Ich springe auf und sage, dass er sich mal zusammenreißen solle. Schließlich geht es hier nur um leere Bierflaschen. Aber nein. „Es geht um's Prinzip!“, brüllt er und geht auf den Flaschensammler aggressiv und mit erhobener Hand zu. Wir ziehen ihn zurück, während er dem Flaschensammler noch zuruft, dass der kein Deutscher sei und deswegen das Land verlassen solle. Mein Kumpel und ich gehen.

Es war mein erstes Gespräch mit überzeugten jungen Rechten. Und alles, was ich bislang über diese Leute gedacht hatte, hat sich an diesem Abend bestätigt. Linke und Muslime sind böse, Europäer die besten Menschen, Statistiken lügen und ein Flaschensammler hätte fast einen Schlag abbekommen. Weil er nicht deutsch war.

Zurück zur Übersicht

Sag's weiter: