Leitung: Selina Großmann

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Radio ist nicht gleich Radio

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NIEMALS ÜBER GESANG RAMPEN!!! Eine der wohl heiligsten Regeln des deutschen Radiomoderators. Das diese Regel aber nicht unbedingt überall gilt, hat uns Olli Briesch von 1LIVE im Seminar „Fahrtraining“ erklärt.

Das Seminar, das von der LfM organisiert wurde, war darauf ausgelegt, unsere Moderation zu verbessern. Wie viele Arten der Verpackung (Jingle, Dropper usw.) gibt es? Wie fahre ich am besten einen 3-Element-Break und wie bringe ich Variation in diese? Was macht einen guten Moderator aus? Das waren die Hauptaspekte mit denen wir uns befasst haben. Ein Punkt der mich aber besonders fasziniert hat, war etwas viel kleineres. Eine Anekdote von Olli Briesch.

"Der Moderator muss gedacht haben wir wären blöd"

2010, Südafrika. Die Fußbal WM läuft und Olli ist mit einigen Kollegen vor Ort. Für einen kurzen Gag sollen sie in einem südafrikanischem Radiosender kurz On-Air `Überraschung` sagen und den nächsten Song ankündigen. Sie alle stehen im Studio und der heimische Moderator gibt ihnen das `GO´. Doch Olli und die anderen Kollegen schweigen. Auch nach mehreren erfolglosen Kommunikationsversuchen per Handbewegungen kommt keine Reaktion. Am Ende macht es der heimische Moderator doch selber und ist irritiert, warum seine Kollegen aus Deutschland denn nichts gesagt haben. „Da lief doch noch Gesang, da können wir doch nicht drüberquatschen.“

NIEMANLS ÜBER GESANG RAMPEN!!!

In gefühlt jedem Workshop und jedem Seminar wird einem diese Regel immer wieder vermittelt und wir halten sie für absolut selbstverständlich. Ruhig reden, das Bett nicht zu laut drehen. Was für uns so selbstverständlich ist, ist in anderen Ländern ganz anders. Andere Länder, andere Sitten eben. Im britischen Radio hat man es nicht so unbedingt mit der „heiligen deutschen Moderationsregel“. Auch in Südafrika nimmt man es damit wohl nicht ganz so genau. Ein weiteres gutes Beispiel, zu dem wir uns dann auch ein Video angeschaut haben (Video am Ende des Textes): die USA. Nachdem wir uns mit Olli über die unterschiedlichen Arten des 3-Element-Breaks unterhalten hatten, zeigte er uns ein hervorragendes Beispiel amerikanischer, jugendorientierter Radiomoderation. In der Hauptrolle: Moderator Trey Morgan vom Sender Z100.

Die völlige Reizüberflutung

Was folgte waren ca. 3 Minuten geballte Power. Amerikanisches, jugendorientiertes Radio hat die Eigenschaft, dem Hörer keine Sekunde Ruhe zu geben. Es ist permanent Action angesagt, wer Luft holt verliert. Ist der Song zu Ende, reißt Trey das Mikro hoch und wirft uns in nur wenigen Sekunden so viele Worte entgegen, dass wir nach kurzer Zeit mit völliger Reizüberflutung auf unseren Plätzen sitzen. Die Ramp ist dabei teilweise mit so lauter Musik unterlegt, dass Trey förmlich gegen den Song anschreit. Ob dabei Gesang untergelegt ist oder der aktuelle Punk Song los dröhnt spielt keine Rolle. Trey steht voller Energie vor dem Mikro und feuert wie ein DJ Jingle, Dropper und O-Tönen ab, bis das Pult qualmt. Dazwischen wird jede freie Sekunde mit Text gefüllt. So lange, wie es der Donut (der abgegrenzte Zeitraum in dem der Moderator sprechen kann) eben erlaubt. 

Verkaufen! Verkaufen! Verkaufen!

Inhaltlich geht es vor allem um eins...verkaufen. Wenn nicht gerade der „klassische“ 3-Elemet-Break (Song-Sender-Uhrzeit) genutzt wird, weist man halt kurz auf das neue Konzert hin und erwähnt im selben Atemzug, dass man ein neues Auto, Gutscheine oder was auch immer gewinnen kann. Im Hintergrund schallt uns natürlich schon der nächste Song entgegen, vielleicht gibt’s noch nen O-Ton. Nach wenigen Sekunden ist das ganze Spektakel auch schon vorbei. Zumindest bis zum nächsten Break.

Halten wir fest

NIEMALS ÜBER GESANG RAMPEN, eine Regel die wohl nur in Deutschland gilt. Und gerade diesen Aspekt finde ich so interessant. Denn selbst eingefleischte Moderatoren wie Olli Briesch scheinen in die Falle zu tappen. Es sind diese kleinen Unterschiede, die zeigen, dass unsere Art Radio zu machen auch nur eine von vielen ist. Besonders diese Erkenntnis hat mich sehr begeistert, denn diese verliert man sehr schnell aus dem Blick. Radio ist halt nicht gleich Radio. Was für uns eine festgelegte Regel ist, kann in anderen Ländern eine völlig andere sein. Das Seminar hat mir nicht nur gezeigt, wie man ein besserer Moderator sein kann. Es hat zusätzlich mein globales Verständnis von Radio verbessert.








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