10.01.2004 08:50 Uhr,
Lost in Translation ("Lost in Translation")
Verwirrt blickt Bob Harris (Bill Murray) zwischen dem Regisseur und dem Übersetzer hin und her. Sekundenlang gibt der Regisseur Anweisungen auf japanisch, der Übersetzer hingegen gibt an den Schauspieler lediglich ein "Bitte den Kopf leicht drehen" weiter. Das wars schon? Was hat er noch gesagt? Egal. Alles andere bleibt "Lost in translation", fällt also den Sprachunterschieden zum Opfer. Bob führt erneut das Whiskey-Glas zum Mund und die Kamera surrt.
Bob ist ein Schauspieler aus den USA. Sein Management hat ihn zu Werbeclipaufnahmen nach Tokio geschickt. Das ist genauso wenig nach seinem Geschmack wie der Whiskey, für den er seinen prominenten Kopf hinhält. Bob ist beruflich unter-, aber kulturell und kommunikativ überfordert auf seinem Trip in Japan. Sein Refugium ist das internationale Hotel, in dem er an der Bar sitzt oder in dem Swimming-Pool einsam seine Runden dreht.
Im selben Hotel ist auch ein junges amerikanisches Ehepaar abgestiegen. John (Giovanni Ribisi) ist erfolgreicher Fotograf und hat in und um Tokio beruflich viel zu tun. Seine Frau, die junge Philosophie-Absolventin Charlotte (Scarlett Johansson), langweilt sich derweil in ihrem Hotelzimmer. Stundenlang sitzt sie an den Panoramafenstern hoch über dem Lärm der Stadt und blickt in einer Mischung aus Faszination und Ratlosigkeit auf die Lichter der Metropole oder streift durch die endlosen Hotelgänge.
Irgendwann begegnen sich die beiden, der midlife-crisis-geplagte Bob und die unentschiedene Charlotte, die noch auf der Suche ist nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Sie sind sich sofort einig: HIER gehören sie nicht hin. Also heißt es: raus aus dem Hotel und kopfüber rein in das Nachtleben Tokios. Spielhallen, Karaokeparties, zweifelhafte Bars, die beiden Flüchtenden nehmen alles mit, um danach erschöpft im Hotel das eigene Leben zu analysieren.
Wird das Leben einfacher? Ja. Nein. Vielleicht. Irgendwie. Beide wissen nicht so recht.
Irgendwann rafft sie sich dann doch auf und sieht sich die Schönheit der fremden Kultur an: eine zufällig beobachtete Hochzeit, kaiserliche Tempel. Sie ist allein in Kyoto und er allein vorm Hotelzimmerspiegel, sein vom Leben gezeichnetes Gesicht betrachtend. Schnell fühlen sie sich ohne einander noch verlorener. Doch genauso schnell ist Bobs Promo-Reise beendet. Der Abschied rückt näher. Der Abschied aus einer Parallelwelt, die Rückkehr in die Realität. Die Rückkehr in eine eingeschlafene Ehe. Die Rückkehr in die lärmige und anstrengende Welt. Die Rückkehr nach Hause.

Regisseurin und Drehbuchautorin Sofia Coppola bleibt dem poetischen Stil ihres Debüts "The Virgin Suicides" treu. Ohne viele Worte brechen so die laute US-Schauspielkollegin Kelly, die Atmosphäre in den Spielhallen oder die Ausgelassenheit der Karaokeparties ein in die nachdenkliche und ruhige Stimmung der beiden Hauptfiguren. Das Hotel als multi-kultureller Treffpunkt wirkt mit dem gedämpften Licht und der berieselnden Fahrstuhlmusik schnell wie ein Gefängnis, dem die beiden einsamen Protagonisten entfliehen müssen.
"Lost in translation" ist keine klassische Liebesgeschichte, sondern handelt eher vom Zauber zufälliger Begegnungen und dem Bewusstsein über deren Einmaligkeit. Die Beziehung zwischen Bob und Charlotte bleibt rein platonischer Natur. Die Regisseurin gönnt beiden sogar einen ganz privaten Moment. Bobs vermutlich tröstende und ermutigende Abschiedsworte werden dem Zuschauer vorenthalten, sie finden nur ihren Weg in Charlottes Ohr. Die beiden werden sich nie wieder sehen. Es gibt keine hollywoodmäßige Romanze und schmalzige Kussszenen, die mit pathetischen Streichern unterlegt werden. Stattdessen finden sich auf dem Soundtrack wie bei Coppolas Erstling erneut die französischen Schmeichel-Elektroniker von Air wieder.
Der Film wird getragen von der Präsenz des Hauptdarstellers. Schon in "The Royal Tenenbaums" bewies Bill Murray, das er mehr sein kann als albern ("Ghostbusters", "Ein verrückt genialer Coup") oder griesgrämig ("Die Geister, die ich rief", "Und täglich grüßt das Murmeltier"). Natürlich gibt es auch bei "Lost in translation" viel zu lachen, wenn Murray in den Werbeclip-Szenen ganz in seinem komödiantischem Element ist oder mit leicht ironischem Charme die junge Charlotte aus der Reserve lockt. Die depressiv anmutenden Szenen verraten jedoch mehr über Bob. So fragt er sich, warum er überhaupt noch zuhause anruft. Eigentlich ist alles gesagt. Sein "Ich liebe Dich" bleibt dem Zuschauer vorenthalten, seine Frau hat schon längst das ohnehin kurze Telefonat beendet.
An Murrays Seite läuft auch die bisher eher unbekannte Scarlett Johansson ("Der Pferdeflüsterer") zu Hochform auf. Gleich die ersten Minuten verraten uns: Die junge Frau, die da zunächst in Nahaufnahme in Unterwäsche auf ihrem Hotelbett zu sehen ist, ist bei weitem nicht so unbeschwert, wie man das von einer Frau in ihrem Alter noch vermuten sollte. Die Glamourwelt ihres Mannes (nicht ganz so blass wie sonst: Giovanni Ribisi, "Heaven") mit lauten Accessoires wie der aufgedrehten Schauspielerin Kelly (vielversprechend: Anna Faris, "Scary Movie 1-3") liegt der nachdenklichen Charlotte nicht.
Die Frage, warum so eine junge und attraktive Frau wie Charlotte sich von einem Mann wie Bob angezogen fühlt, wird nicht im amourösen Kontext beantwortet. "Lost in translation"-Produzent Ross Katz meint dazu: "Everybody, at a certain point, is a little lost and sometime we just find a connection to someone that helps to re-inspire oder center us". Alter spielt dabei keine Rolle. Die dabei entstehende Stimmung ist teils heiter, teils bedrückend, und das überträgt sich auch auf den Zuschauer.

Drama/Komödie USA 2003
Regie: Sofia Coppola
Darsteller: Bill Murray, Scarlett Johansson,
Giovanni Ribisi, Anna Faris
Länge: 102 Min.

von Jörn Behr

Bob und Charlotte in Tokyo