15.02.2004 08:50 Uhr,
Ararat ("Ararat")
Der Berg Ararat ist für alle Armenier ein bedeutendes Symbol, obwohl er nicht auf dem Territorium des heutigen Armenien liegt, sondern im Osten der Türkei. Dort fielen zwischen 1915 und 1918 eineinhalb Millionen Armenier systematischen Massakern und Deportationen des türkischen Regimes zum Opfer.
Toronto, 85 Jahre nach dem Genozid. Der alte armenische Regisseur Edward Saroyan, dargestellt von Chansonier und Schauspieler Charles Aznavour, will einen Film im Stil Hollywoods über den bislang abgestrittenen Völkermord drehen. Als historische Beraterin wird die armenischstämmige Professorin Ani engagiert, die zunächst Schwierigkeiten mit der Umarbeitung der wahren Geschehnisse in spielfilmtauglichen Stoff hat.
Auch Anis Leben ist geprägt von der Geschichte ihres Volkes. Die Spezialistin erklärt lieber das Werk des Malers Arshile Gorky, als den Tod realer Väter. Doch ihre Stieftochter Celia taucht immer wieder bei ihren Vorträgen auf und stellt unbequeme Fragen über ihren Vater. Über ihren ersten Mann, einen armenischen Terroristen ? oder Freiheitskämpfer, je nach Standpunkt ? muß sich Ani auch mit ihrem leiblichen Sohn Rafi auseinandersetzen.
Rafi jobbt als Produktionshelfer und Fahrer am Set von Saroyans Film. Nach dem Dreh einer aufwühlenden Szene gerät er mit dem Darsteller eines türkischen Befehlshabers in eine Diskussion über die Bedeutung von Geschichte. Denn Rafi kann und will den Genozid nicht vergessen und reist ins Land seiner Ahnen. Bei seiner Rückkehr wird er am Flughafen Toronto wird er von einem Zollbeamten überprüft.
Der alte Zollbeamte David merkt schnell, daß Rafi etwas verheimlicht. Am Vorabend seiner Pensionierung hat er noch sehr viel Zeit für ein ausführliches Verhör...

Atom Egoyans Film wartet mit einer Vielzahl von Charakteren auf, deren Geschichten kompliziert ineinander verschachtelt sind und wechselt bruchlos zwischen Räumen und Zeiten. Was ARARAT außerdem zu wahrlich nicht leicht konsumierbarer Kinokost macht, ist die Konfrontation mit den Gräueln des Völkermordes ? wenn auch in quasi abgeschwächter Form durch den Film im Film dargestellt.
Die New York Times bezeichnete ARARAT als den ?mit Sicherheit gedanklich herausforderndsten Film des Jahres?. Präziser kann man es nicht ausdrücken. Atom Egoyan wählte nicht die einfache Möglichkeit, so wie sein Alter Ego Edward Saroyan, einen historischen Film über den Genozid zu drehen. Für ihn ist der wahre Horror, wie die Verleugnung das Trauma fortsetzt und er zeigt, welche Folgen die historischen Ereignisse für die nachfolgenden Generationen haben. In jeder Minute von ARARAT ist das Bewusstsein spürbar, daß jede Erzählung persönliche Geschichte, moralische Ansprüche, gesellschaftlichen Druck und geschichtliche Erfordernisse vermischt. So vermeidet Egoyan genau das, was ihm die türkische Regierung heute vorwirft - einen historischen Standpunkt vorzuführen, ohne die Möglichkeit eines anderen Standpunkts einzuschließen.
ARARAT ist nicht nur Atom Egoyans persönlichster Film geworden; sondern auch ein Meisterwerk, das allgemein gültig zeigt, wie schnell es dazu kommen kann, Menschen als weniger wert als andere zu betrachten und was für Ausmaße das annehmen kann.

Bis heute ist ARARAT nicht in die türkischen Kinos gekommen. Nachdem erst die Gefahr einer Zensur drohte, hat der türkische Kulturminister Erkan Mumcu den Film zwar vor ein paar Wochen offiziell genehmigt ? er machte aber keinen Hehl daraus, daß er ARARAT für einen primitiven Propagandafilm hält. Die Verleihfirma Belge verzichtet jedoch weiter auf die Aufführung, da sie nicht riskieren will, dass es zu Zwischenfällen kommt oder den Zuschauern zugemutet werden müsste, unter Polizeischutz ins Kino zu gehen.
Übrigens gehört Deutschland zu den Ländern, die den Völkermord an den Armeniern bis jetzt noch nicht offiziell anerkannt haben. Umso bedauerlicher, daß der Film bundesweit nur mit fünf Kopien gestartet ist. In Köln ist ARARAT exklusiv im Filmhaus Kino zu sehen. Vorführtermine und Zeiten unter www.koelner-filmhaus.de

Drama, Kanada 2002
Regie: Atom Egoyan
Darsteller: Charles Aznavour, Cristopher Plummer, David Alpay
Länge: 116 min. O.m.U.

von Jessica Düster

"Rafi"-Darsteller David Alpay