25.04.2007 18:00 Uhr,
Inland Empire
Nikki Grace, einst eine erfolgreiche Filmschauspielerin, bekommt mit einer neuen Hauptrolle die Chance auf ein großes Comeback. Doch schon bei den Proben zum Dreh macht der Regisseur ihr und ihrem Co-Star Devon Berk ein unheimliches Geständnis: er habe herausgefunden, dass ihr Film nur ein Remake eines polnischen Films sei, der allerdings niemals beendet wurde. Etwas aus dem ?Inneren der Geschichte? hätte die Darsteller damals in seinen Bann gezogen ? bis die beiden Hauptdarsteller eines Tages ermordet worden wären. Regisseur Kingsley: ?Die Geschichte basierte auf einem Zigeunermärchen aus Polen? - angeblich lang ein Fluch darauf.?
Natürlich dauert es nicht lange bis auch Nikki und Devon in den Sog der Geschichte gezogen werden, denn trotz Nikkis eifersüchtigem Ehemann beginnen die beiden sich zueinander hingezogen zu fühlen ? ganz wie ihre Filmcharaktere. Sukzessive verschwimmen für Nikki die Grenzen zwischen Fiktion und Realität.
Dieses Verwirrspiel der Identitäten und Geschichten schlägt immer weitere Bahnen, bis nicht mehr zu unterscheiden ist, was hier Traum, was Film und was Wirklichkeit sein soll und ob nun die Geschichte von Nikki Grace oder die ihrer Filmfigur, Susan Blue, die wahre ist.

Wer David Lynch kennt, ahnt bereits, dass man sein jüngstes, gut dreistündiges Epos INLAND EMPIRE nur schwer auf diese einzelne Geschichte herunterbrechen kann. Tatsächlich bildet die Handlung um diesen Film im Film vielmehr nur ein loses Korsett um das herum sich vieles Andere ereignet ? Grausames bis Absurdes, von Geschichten um einen polnischen Prostitutionsring bis zu einer surrealen Sitcom mit hasenkopftragenden Menschen. Gemeinsam mit dem Zuschauer stolpert die großartige Laura Dern in ihrer Rolle als Nikki oder Susan durch diese temporal aufgelöste, düstere Welt der Spieglungen und Brechungen. Zusammengehalten wird dieses fragmentarische Monstrum alleine von Lynchs bekannter Alptraumlogik.
Neu ist, dass Lynch seine wunderbaren 35mm-Bilder gegen unscharfes DV eingetauscht hat. Eigentlich wollte er auf seiner Digitalkamera nur einige kleine Episoden für seine Homepage drehen, doch eine Idee führte bald zur nächsten und so wechselte der Filmemacher in den letzten Jahren regelmäßig vom Schneidetisch zurück zu weiteren ? teils improvisierten ? Drehs. Das dreistündige Ergebnis dieser Arbeit wird je nach Gefallen von manchen Kritikern als persönlichster Film Lynchs, von anderen als sein privatester ? sprich: unzugänglichster ? bezeichnet. Unbestritten dürfte aber sein, dass INLAND EMPIRE, ob Lynchs neuer digitalen Freiheit, zu seinem dichtesten Werk überhaupt geworden ist, eine Kumulation all seiner bisherigen Motive und Ideen und noch vielem mehr.
Ob das alles erzählerisch einen Sinn ergibt? Selbst Lynch äußert sich dazu widersprüchlich. Doch was kümmert das! Einmal mehr gelingt es ihm mit gewohnter Kunstfertigkeit, dieses unbestimmte Angstgefühl zu reproduzieren, das einen befällt, wenn man unvermittelt aus einem Alptraum erwacht ? schließlich sind bei keinem anderen als bei David Lynch Traumwelt und Filmwelt so nah beieinander.

Thriller/Drama
USA/Polen/Frankreich 2006
Regie: David Lynch
Darsteller: Laura Dern, Jeremy Irons, Harry Dean Stanton, Justin Theroux, Ian Abercrombie
Länge: 180 min.

Philip Gritzka

Laura Dern als Schauspielerin Nicki Grace