Das Berlinale-Tagebuch 2006Redaktionsleitung: Philip Gritzka
filmspur@koelncampus.com
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Unsere Filmspur-Redakteure Jenny Haupt und Philip Gritzka berichten:
18. Februar 2006 ? Der letzte (10.) Tag der Berlinale
Die Bären sind vergeben und es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Zum einen ist endlich die Spannung weg, wer denn nun was gewinnt und vor allen Dingen welche grandiosen Filme die Berlinale in diesem Jahr zu bieten hat und zum anderen macht sich aber die Erschöpfung nun endgültig breit und ich freue mich schon drauf mal wieder lange ausschlafen zu können.
Aber bevor ich das tue gibt es natürlich noch den Bericht vom letzten und entscheidenden Tag. Im Gegensatz zu den letzten Jahren, an denen immer am letzten Tag noch ein neuer Film lief (außer Konkurrenz), wurde in diesem Jahr tief in die Klassikerkiste gegriffen. PAT GARRETT & BILLY THE KID. Leider auch nicht mehr im Berlinale Palast vorgeführt, sondern im Cinestar. Während ich die ?Filmidee? gar nicht schlecht finde, vor allen Dingen da es sich um eine Special Edition handelt, war ich schon ein wenig enttäuscht, dass ich mich schon am Freitag von dem Berlinale Palast verabschieden musste. Die riesige Leinwand, die besondere Atmo und das geniale Soundsystem (was leider ab und zu ein wenig laut eingestellt war) werde ich schon vermissen. Dahingehend werden mir die ungemütlichen Stühle und das gut kontrollierte ?Trink- und Essenverbot? nicht soo fehlen.
Aber diese Änderung hat natürlich auch einen Grund. Denn erstmalig wurde die Preisverleihung live im TV übertragen und während es sonst für die Journalisten Mittags schon eine Pressekonferenz zu den Gewinnern gab, musste in diesem Jahr auch die Presse ausharren bis zur offiziellen Gala, die wir dann alle in einem Kinosaal im Cinemaxx mitverfolgen konnten.
Die Gala war?nun ja sagen wir mal?noch nicht wirklich ausgereift, was sie aber sehr sympathisch gemacht hat. Große Verwirrungen gab es auf der Bühne, wer wann wo zu stehen hat oder aber wann das Gewinnerfoto gemacht werden soll. Aber Festivaldirektor Dieter Kosslick hat alle eventuellen Peinlichkeiten mit seiner frischen, lockeren Art wieder wettgemacht.
Bevor ich Euch von den Gewinnern erzähle, muss ich noch schnell von dem wirklich hervorragenden Dokumentarfilm erzählen, den ich heute Nachmittag in der Sektion Perspektive Deutsches Kino gesehen habe. Bei WARUM HALB VIER von den Brüdern Lars und Axel Pape handelt es sich um einen Dokumentarfilm, der auf eine überraschend emotionale Art und Weise vom deutschen Fußball. Der Film wird getragen durch die persönlichen Erzählungen verschiedener Charaktere, wie zum Beispiel von Schauspieler Joachim Król über die eigenen persönlichen Erfahrungen mit dem Sport, aber auch unbekannte Fußball-Liebhaber kommen zu Wort. Der Film transportiert das Phänomen Fußball mal von einer ganz anderen Seite, die erzählten Erlebnisse der Einzelpersonen bringen einem aber nicht nur ein Schmunzeln, sondern auch ein sentimentales Gefühl, selbst ohne fußballerischem Interesse.
Nun aber zu den großen Gewinnern des heutigen Tages.
And the Winner is?
GOLDENER BÄR
GRBAVICA von Jasmila Zbanic
SILBERNER BÄR ? Großer Preis der Jury
EN SOAP von Pernille Fischer Christensen
Und
OFFSIDE von Jafar Panahi
SILBERNER BÄR ? Für die beste Regie
THE ROAD TO GUANTANAMO Michael Winterbottom und Mat Whitecross
SILBERNER BÄR ? Für die beste Darstellerin
REQUIEM Sandra Hüller
SILBERNER BÄR ? Für den besten Darsteller
ELEMENTARTEILCHEN Moritz Bleibtreu
SILBERNER BÄR ? Für eine künstlerische Leistung
DER FREIE Wille Jürgen Vogel als Schauspieler, Co-Autor und Co-Produzent
SILBERNER BÄR ? Für die beste Filmmusik
ISABELLA Peter Kram
ALFRED BAUER PREIS
EL CUSTODIO von Rodrigo Moreno
Mit den meisten Entscheidungen der acht Jurymitglieder rund um Jury-Präsidentin Charlotte Rampling war ich mehr als einverstanden. Zumal alle Filme, die ich für berücksichtigungswürdig hielt einen Preis bekommen haben. Zwei Entscheidungen kann ich jedoch gar nicht nachvollziehen. Zum einen den Alfred Bauer Preis für EL CUSTODIO, da das einer der langweiligsten Filme ist, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Zum anderen die Vergabe des Bären an Moritz Bleibtreu. Ich halte ihn wirklich für einen großartigen deutschen Schauspieler, allerdings hat er den Bären meiner Meinung nach in diesem Jahr nicht verdient. Nicht für diese Rolle, da die Rollen in ELEMENTARTEILCHEN so dermaßen unnötig überzeichnet waren. Ich schien auch nicht die einzige zu sein, die so dachte, da sich auf einmal ein komisches Schweigen unter den Presseleuten breitmachte. Es ist aber halt auch schon ein wenig eigenartig, wenn drei der begehrtesten Preise an deutsche Filmemacher gehen, da es ja nur vier deutsche Filme im Wettbewerb gab und drei davon sind ausgezeichnet worden?Nun gut. Da darf sich jetzt jeder seinen Teil zu denken.
Bevor ich ganz zum Ende komme, noch ein kleiner Fazit:
Die Wettbewerbsfilme waren besser als in den letzten zwei Jahren, jedoch gab es keinen Film (wie vor zwei Jahren ?Gegen die Wand?) der sich von anderen so stark abgehoben hat. Meine Favoriten des Wettbewerbs und absolute MUST SEE Filme: A PRAIRIE HOME COMPANION, DER FREIE WILLE, EN SOAP und THE ROAD TO GUANTANAMO.
Aus den anderen Sektionen lege ich Euch folgende Filme ans Herz: BROTHERS OF THE HEAD, KOMBAT 16, 4:30 und WARUM HALB VIER.
So langsam leer sich der Potsdamer Platz?nur noch ein Tag liegt vor den Veranstaltern der Berlinale, die Morgen mit einem reinen Publikumstag endet. Dann werden die Kinoplakatausteller abgebaut, die Fahnen abgehangen, aus dem Berlinale Palast wird wieder ein Musical-Theater und die Berlinale Bären werden ein Jahr lang in den Winterschlaf geschickt. Das Internationale Filmfest Berlin wird besser von Jahr zu Jahr?wo bitte soll das noch enden?
Wir können gespannt sein?
Zum letzten Mal für dieses Jahr?die liebsten Bären-Grüße aus Berlin!
Eure Jenny
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17. Februar 2006 - Tag 9 der Berlinale
Philip schreibt:
Heute ist der letzte Wettbewerbstag. Diesen Abend oder spätestens im Laufe
des morgigen Tages werden sich die Juroren dann zusammensetzen, um aus den
20 Wettbewerbsbeiträgen ihre Favoriten auszuwählen, bevor morgen Abend
schließlich die Gewinner geehrt werden.
An diesem letzten Freitag gab es zwei Wettbewerbsrelevante Filme: OFFSIDE
und REQUIEM. Ob ein so spätes Screening die Chancen auf einen Preis wohl
beeinflusst? Schwer zu sagen...
OFFSIDE vereinigt gleich zwei der dominanten Motive der diesjährigen
Berlinale: erstens geht es um Fußball, zweitens spielt der Film im Iran.
Neben vielem anderen ist es iranischen Frauen, das lernen wir hier,
strengstens verboten ein Fußballstadium zu betreten. Gleichzeitig gibt es
aber gar nicht wenige, die die möglichen (knallharten) Konsequenzen nicht
fürchten und es trotzdem versuchen. Sie verkleiden sich mehr oder weniger
geschickt als Männer und hoffen so am Sicherheitspersonal und am Militär
(sic!) vorbeizukommen. Der kleinen handvoll Frauen im Fokus von OFFSIDE ist
ihr Vorhaben allerdings nicht gelungen. Sie sind aus verschiedenen Gründen
erwischt worden und warten jetzt (in einer Art Laufstall zusammengepfert)
darauf, vom Wachdienst weggebracht zu werden. Natürlich gibt es Spannungen
zwischen Wächtern und Bewachten aber nach und nach kommt es zu einer
vorsichtigen Annäherung beider Seiten, schließlich teilen alle zusammen eine
große Leidenschaft: Fußball.
OFFSIDE ist ein kleiner aber äußerst effektiver Film, dessen feinem Humor
man sich einfach nicht entziehen kann. Gleichzeitig offenbart er den
Zuschauern eine Welt, die für Eurpäer anders kaum zu erschließen sein
dürfte.
Den zweiten für den Wettbewerb relevanten Film des Tages, REQUIEM, habe ich
bereits im Vorfeld der Berlinale gesehen, wodurch ich die Zeit hier
andersweitig nutzen konnte. Entsprechend überlasse ich es an dieser Stelle
Jenny (die ihn heute gesehen hat) einige Worte zum Film zu verlieren.
Anstelle von REQUIEM habe ich mich also für einen Film aus der
Panorama-Reihe entschieden: THE NOTORIOUS BETTY PAGE von der amerikanischen
Regisseurin Marry Harron (AMERICAN PSYCHO). Ganz in der Tradition anderer
klassischer Biopics erforscht die Regisseurin entscheidende Episoden aus dem
Leben des berühmten Pin-Up Girls im Spannungsfeld zwischen Unschuld,
sinnlicher Erotik und konservativer Religiösität. Die Fotografie in schönem
Schwarz-Weiss (nur gelegentlich von Momenten in Technicolor unterbrochen)
und der beschwingte Jazzsoundtrack geben dem Film eine unaufdringliche
Authentizität. Es ist eher unerheblich, dass die technischen und
handwerklichen Aspekte eher unspektakulär sind, denn alles wird von der
bezaubernden Gretchen Mol in der Titelrolle überstrahlt. Nicht nur dass sie
Page (eine schwarze Perücke vorausgesetzt) zum verwechseln ähnlich sieht,
nein, ihre Darstellung hat auch die selbe überwältigende Energie.
Alles in allem ist THE NOTORIOUS BETTY PAGE ein großherziger, gutgelaunter
kleiner Film. Vielleicht nicht der große Wurf, nein, aber sicherlich auch
keine verschwendete Zeit.
Nach BETTY PAGE musste ich mich zunächst entscheiden, welchen Film ich als
nächstes sehen wollte. Am Nachmittag stand nämlich - sozusagen als letzter
Höhepunkt der diesjährigen Berlinale - ein Screening von CAPOTE auf dem
Programm. Nur dass dieser ja bereits übernächste Woche regulär in unseren
Kinos startet. Meine Vernunft sagte mir also, dass ich meine Zeit doch
lieber für einen anderen Film nutzen sollte, etwa mit WARUM HALB VIER? aus
Deutschland.
Naja, machen wir es kurz: die Vernunft hat bei mir noch nie viel zu melden
gehabt und so saß ich flugs im Saal 8 des Cinemaxx um mir CAPOTE anzusehen.
Ich habe es nicht bereut. Dass Philip Seymour Hoffman für seine unglaubliche
Darstellung des Schriftstellers Truman Capote (zurecht)der sicherste
Kandidat für den diesjährigen Oscar ist, dürfte inzwischen ja allen bekannt
sein. Weit weniger weiß man gemeinhin über die sonstige Qualität des Films.
Nun, CAPOTE ist - in meiner bescheidenen kleinen Welt - der deutlich beste
Film den ich in diesem Jahr zu sehen bekommen habe. Da stimmt einfach das
ganze Paket: Hoffman outet sich hier natürlich als Gott unter den Menschen,
klar, aber auch Chatherine Keener, Clifton Collins Jr., Chris Cooper und all
die anderen bringen Leistungen, die nur schwer übertroffen werden können.
Die Bilder sind wunderschön und die Inszenierung ist verflucht nahe an der
Perfektion. Sie ist kraftvoll, gleichzeitig aber bescheiden, detailliert und
nuanciert. Noch viel wichtiger ist aber die Intelligenz und die
überwältigende Ästhetik des Drehbuchs. Mit seinen erzählerischen Ellipsen
und Umwegen fordert es den Zuschauer heraus und nimmt ihn doch schlagartig
gefangen.
Verglichen mit WALK THE LINE - die biografische Natur beider Filme legt den
Vergleich nahe - ist CAPOTE der mit Abstand bessere Film (natürlich mit
einem erneuten Hinweis auf meine ganz subjektive Meinung...). Einfach
wunderbar!
Zum Abschluss des Tages musste ich das Festivalgelände um den Potsdamer
Platz herum zunächst verlassen um zum Uriana, einem etwas außerhalb
gelegenen Kino, zu gelangen. Dort laufen nämlich täglich die Wiederholungen
vom Vortag. Für mich stand FIND ME GUILTY von Sidney Lumet auf dem Programm.
Lumet, der letztes Jahr mit dem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet
wurde, erzählt hier die Geschichte des längsten und umfangreichsten
Gerichtsverfahrens gegen einen Mafiaclan.
Ganze zwei Jahre dauert der Prozess in dem mehrere Hundert Beweisstücke und
unzählige Zeugen gegen die über ein Duzend Angeklagte vorbebracht werden.
Hauptfigur des Films ist der von Vin Diesel gespielte Jack DiNorscio, eine
Figur die besonders deshalb raussticht, weil DiNorscio sich als einziger
selbst verteidigt. Jack ist - wohlgemerkt - bereits nach der sechsten Klasse
von der Schule abgegangen und gilt im allgemeinen nicht unbedingt als große
Leuchte. Was ihm aber im Kopf fehlt, macht er durch Humor wett. In seiner
ersten Rede stellt er sich den Geschworenen so vor: "I am not a gangster. I
am a GAGster!"
Man könnte bei der Geschichte leicht meinen, dass irgendeinem kleinen
Schreiberling in irgendeinem der Hollywoodstudios mal wieder die Fantasie
durchgegangen ist. Aber weit gefehlt. Die verrücktesten Geschichten schreibt
einfach immer noch das Leben selbst: gleich zu Beginn des Films gibt es
nämlich den Hinweis, dass beinahe alle Dialoge aus den tatsächlichen
Verhandlungsprotokollen dieses wahren Falls stammen.
FIND ME GUILTY ist - neben A PRARIE HOME COMPANION - ohne Frage der
witzigste und gutmütigste Film den ich auf dieser Berlinale gesehen habe.
Selten so viel Spaß gehabt!
So, genug für heute!
Gruß,
Philip
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Jenny schreibt:
So langsam merke ich Erschöpfungszustände. Erste Anzeichen: Ich komm morgens kaum aus dem Bett, meine Kontaktlinsen haben sich eh schon mit meinen Augen permanent verbunden und meine Kaffeezuführungsschlagzahl hat sich auch extrem erhöht. Dennoch (wir sind ja Filmfanatiker) kämpfen wir bis zum letzten Film und das auch gerne. Ich befinde mich schon in so einem Trance-Zustand, dass ich in der nächsten Woche wohl Entzugserscheinungen haben werde.
Das heutige Filmprogramm hat auch eher dazu beigetragen, dass ich eher noch mehr Filme sehen möchte als weniger. Zunächst einmal hab ich mir REQUIEM, den vierten deutschen Film im Wettbewerb angesehen. Es geht um die streng, katholische Studentin Michaela, die Stimmen hört und Hilfe bei ihrem Priester sucht, da die diversen Tabletten, die sie dagegen nimmt, nicht helfen. Dieser Hilferuf endet in mehreren Exorzismus-Sitzungen, an denen nicht nur die Priester von Michaelas Heimatort, sondern auch noch die Eltern beteiligt sind. Der Film ist dahingehend hervorragend, dass er den Zuschauer von Außen auf die Situation blicken lässt und nicht die Sichtweise der Protagonistin darstellt. Dennoch fällt es unglaublich schwer, die Tragweite dieser Handlungen sehr nah an sich rankommen zu lassen, was natürlich damit zu tun hat, dass der Film in den 70er Jahren spielt und die Teufelsaustreibungen nicht unbedingt so ein großes Thema im Moment sind, wie zum Beispiel die Geschehnisse des Irakkrieges (siehe THE ROAD TO GUANTANAMO). Drei Jenny-Berlinale Sternchen für REQUIEM, also sehenswert?reicht aber auch für einen DVD-Abend, müsst Ihr also nicht unbedingt im Kino sehen (so wie DER FREIE WILLE, den solltet Ihr Euch im Kino ansehen).
Dann hab ich mir was gegönnt und zwar CAPOTE. Der Film von Bennet Miller ist wahnsinnig gut und Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman ist zu Recht ein großer Oskar-Anwärter für seine Leistung. Die beste Darstellerleistung, die ich in diesem Jahr hier gesehen habe und ich hab viele gesehen. Wir dürfen also auf die Oskar-Nacht gespannt sein.
Gespannt bin ich auch auf morgen, denn da werden die Bären verliehen. Im Gegensatz zu den letzten Jahren müssen wir Journalisten genauso auf die Bekanntgabe der Gewinner warten, wie alle anderen. Sonst gab es immer im Vorfeld Mittags eine Pressekonferenz dazu und schwuppdiwupp, waren auf einmal alle Pressemenschen vom Potsdamer Platz verschwunden. Tja?diesmal sieht es anders aus.
Ein gespanntes Warten beginnt?.Morgen um 19 Uhr ist die Preisverleihung?
Aufgeregte Grüße vom Potsdamer Platz.
Eure Jenny
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16. Februar 2006 - Tag 8 der Berlinale
Heute hatte ich einen nicht enden wollenden Ohrwurm im Ohr. Scheint ein Phänomen der Berlinale zu sein. Philip bekommt auch ständig welche. Meiner war tatsächlich ?8 days a week? von den Beatles, obwohl der Song glaube ich ganz anders heißt. Während ich mich noch grübelnd laut fragte, wieso ausgerechnet dieses Lied in mein Hirn kommt, tippte Philip wissend auf meine Kinolektüre. Hier gibt es so zwei Berlinale-Ausgaben von der ?Variety? und der ?Screen?, die natürlich beide fett ?Tag 8? auf der Titelseite haben. Haben wir das auch geklärt :--)
Der heutige Tag hatte wieder so einiges zu bieten. Zunächst einmal ging es los mit ISABELLA. Inhalt gibt es hoffentlich von Philip. Der chinesische Film von Regisseur Pang Ho-Cheung besticht durch seine sehr skurrile Art die Vater-Tochter Beziehung darzustellen. Isabella heißt übrigens nicht die Hauptprotagonistin, sondern ihr Hund, der eigentlich zunächst daran schuld ist, dass sich Vater Shing seiner Tochter Yan annähert. Viele hübsche neue Ideen hat der Film. Da bleibt nur die Hoffnung, dass der Film auch in die deutschen Kinos kommt. Und wenn das nicht hinhaut, dann wenigstens auf DVD. Danach ging mit einem weiteren Wettbewerbsfilm weiter. Der neue Film von Claude Chabrol L?IVRESSE DU POUSOIR. Isabelle Huppert zeigt wieder einmal, dass sie eine herausragende Schauspielerin ist. Wie sie die immer unterkühlter werdende Untersuchungsrichterin spielt ist unfraglich sehr eindrucksvoll und sollte ihr eigentlich den Silbernen Bären für die bester Schauspielerin einbringen.
Danach kam ein Wettbewerbsfilm, auf den ich noch besonders gefreut habe. FIND ME GUILTY von Sidney Lumet mit Vin Diesel. Das erstaunlichste daran: Vin Diesel mit Haaren. Das wirkt so was von komisch (zumal er auch schon graue Ansätze besitzt), dass ich echt drei mal hinschauen musste um ganz sicher zu sein, dass er das auch wirklich ist. Der Film handelt von dem längsten US-Prozess gegen die Mafia. Vin Diesel spielt einen der zig Mafiosi, die bei diesem über zwei Jahre dauernden Prozess angeklagt sind. Nur er ist der einzige, der sich selbst verteidigt und für die Loyalität und Liebe seiner ?Brüdern? kämpft. Witzig und herzzerreißend zugleich, ist der Film eine absolute Bereicherung des Berlinale-Wettbewerbs. Das einzig störende ist irgendwie, dass Vin Diesel zu einem zweiten Sylvester Stallone mutiert. Die Gestik, die Art zu reden und jetzt mit den Haaren auch noch diese hängenden Augen, die anders hervorkommen?erschreckende Ähnlichkeit. Ich musste mich tatsächlich zusammenreißen, dass ich nicht ständig während des Films den Vergleich gezogen habe.
Ein wirklich guter Filmtag war das heute?nur noch 2 Tage Berlinale?die Zeit verfliegt hier!
Lieben Gruß
Eure Jenny
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15. Februar 2006 - Tag 7 der Berlinale
Heute haben Philip und ich die Erfahrung gemacht, dass es doch machbar ist in jeder Lebenslage einen Radio-Beitrag zu produzieren. Ich hockte den ganzen Vormittag vor Cinemaxx 7 und bin jetzt per Du mit dem Einlassmann, während sich Philip im Typing Room durchschlug. Aber wir haben alles geschafft, sind selig und hoffen, dass Ihr die Filmspur genossen habt.
Obwohl ich das heute Mittag noch nicht wirklich geglaubt habe, habe ich es tatsächlich doch noch geschafft zwei Filme zu sehen. KOMBAT 16 und CANDY. KOMBAT 16 ist eine deutsche Produktion und handelt von einem 16 jährigen Jungen, der aufgrund der Jobveränderung seines Vaters nach Frankfurt Oder zieht. Das bedeutet für ihn: Neue Leute, keine Freunde mehr und vor allen Dingen kein Karate mehr. Dadurch rutscht er peu a peu in die rechte Szene, denn dort findet er Freunde und Achtung. Was sich jetzt recht platt anhört, ist filmisch gut umgesetzt und schafft es einen sehr empfindlichen Nerv zu treffen. Während Kombat 16 sich einem Thema nähert, dass nicht ganz so ausgeschlachtet ist, widmet sich der Wettbewerbsfilm CANDY mit Heath Ledger und Abbie Cornish dem doch mittlerweile zähen Thema Drogen. Der Film ist bezeichnenderweise in die Kapitel: Himmel, Erde und Hölle eingeteilt und beleuchtet die Stufen der Drogenabhängigkeit zweier Junkies. Wer Christiane F oder diverse andere Junkie-Filme kennt, bietet CANDY leider nichts Neues. Ziemlich runtergebügelte Geschichte mit Pseudo-Happy End. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass es sich um einen australischen Film handelt, hätte ich auf einen?na?...genau US-Film getippt. Apropos Australien?Heath Ledger, der ja aus Australien kommt, hatte auf der Pressekonferenz eine ganz nette Antwort auf die Frage, inwieweit sich die Dreharbeiten für ihn zu denen in den USA unterschieden hätte. Darauf hin meinte er, dass er endlich mal wieder locker, flockig in seiner Muttersprache reden konnte, in Amerika muss er immer auf seinen Akzent achten?
So?morgen geht es weiter?hey?nur noch 3 Tage?werde schon wehmütig.
Geschmeidige, berlinalistische Grüße?
Eure Jenny
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14. Februar 2006 - Tag 6 der Berlinale
Fing schon gut an der Tag. Verschlafen, nach schneller Überlegung, ob ich es noch schaffe tatsächlich aufgerafft und zum Berlinale Palast gehetzt. Hat sogar funktioniert, nur so ganz ohne Frühstück und mit nur einer Mini-Flasche Wasser im Kino zu sitzen ist schon hart. Aber irgendwie kommt so langsam der akute Schlafmangel durch. Jeden Tag nicht vor halb 2 im Bett und um 8.00 Uhr zur S-Bahn eiern. Aber das ist eine Klage auf höchstem Niveau. Denn was gibt es schöneres für Cineasten, als von morgens bis abends Filme zu schauen. Und wenn die dann auch noch alle auf Großleinwand zu sehen sind....haaaaach. So langsam bekomme ich auch schon Entzugserscheinungen, wenn ich den Berlinale Trailer, der immer direkt vor den Filmen, nicht mindestens alle 3 Stunden zu sehen bekommen. Die Trailermusik hängt mir im Moment so extrem im Ohr, dass ich sie mir vom Press-Radio-Office besorgt habe (und weil ich danach süchtig bin, müsst Ihr Morgen auf Kölncampus auch darunter leiden?in unserem Filmspur-Berlinale Special.
Jetzt hab ich mich schon so beeilt heute morgen und es ja doch noch in den Film geschafft, da muss ich feststellen??? Der Film ist super langatmig. Schon wieder so ein ?Ich ignoriere, dass es sich bei einem Film um bewegte Bilder handelt. Bewegte!!! INVISIBLE WAVES handelt von einem Typen, der seine Geliebte und gleichzeitig die Frau von seinem Boss umbringt und das auch noch im Auftrag seines Chefs. Der wiederum lässt ihn untertauchen. Auf seinem Weg ins Exil ist er auf einer Art Fähre, auf der er eine junge Frau mit Kind kennen lernt. Komisch daran: Auf dieser Fähre scheint kein anderer zu sein, außer ihnen (mit Ausnahme von 3 Kurzauftritten von 3 Protagonisten, die so kurz sind, dass man sie noch nicht einmal so nennen sollte. Die Fallen schon eher in die ?Statisten mit kleiner Sprechrolle? Kategorie. Der Anfang des Films war ja noch ganz spannend (schließlich geschieht ein Mord und das funktioniert ja schon seit jeher beim Zuschauer gut), aber danach?prompt bin ich hin und wieder eingenickt.
Beim zweiten Wettbewerbsfilm hatte ich Gott sei Dank so gar keine Chance, was das Schlafen angeht. THE ROAD TO GUANTANAMO von Michael Winterbottom reproduziert mit dokumentarischen Elementen den Weg von vier jungen Pakistani. Sie leben in England, fahren aber nach Pakistan, weil einer dort nach alten Traditionen heiraten will. Aus abenteuerlicher Neugier heraus fahren sie nach Afghanistan und geraten in die Fänge des Krieges und zu guter Letzt zum amerikanischen Heer. Das Schicksal der Vier geht unter die Haut. Was am Ende übrig bleibt ist die Ohnmacht und Fassungslosigkeit darüber, wie zum einen absolut Unschuldige in für sie lebensbedrohliches Terrain geraten und dadurch auf einmal für Al Quaida Kämpfer gehalten werden können und zum anderen wie unmenschlich die Behandlung des amerikanischen Militär, speziell von Guantanamo ist. Klar, viel gehört hat man schon über die Grausamkeit dieser US-Anlage, aber was da wirklich mit den Menschen passiert, ist kaum bekannt oder wurde bis dato nicht so an die Öffentlichkeit getragen. Wirklich sehr, sehr erschütternd und ein weiterer Bärenkandidat.
Nach so vielen schwer verdaulichen Filmen in den letzten Tagen brauchte ich dringend filmische Ablenkung. Da es hier auch eine kleine aber feine German Film Reihe gibt, in der neben einigen neuen deutschen Filmen auch schon etwas ältere Laufen (vor allen Dingen für das ausländische Publikum), konnte ich mich einfach mit dem deutschen Renner der letzten Monate berieseln lassen: SOMMER VORM BALKON. Und da Ihr alle im Gegensatz zu mir den Film wohl schon kennt, kann ich mir je meine Bemerkung dazu sparen.
So?jetzt wuseln ich aber nach Hause?ist zwar erst 20 Uhr, aber wir wollen Euch ja morgen mit ein Paar netten Beiträgen in der Filmspur beglücken und die müssen ja auch irgendwann gemacht werden.
Lieben Gruß aus der deutschen Stadt der Engel!
Eure Jenny
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Philip schreibt:
Dieses Mal schreibe ich tatsächlich etwas verspätet, ja. Aber nachdem Jenny
sich in ihrem Blog Tag für Tag darüber beklagt hat, dass immer ich meine
Texte als erster online stelle, habe ich mich entschieden heute großzügig zu
sein und ihr für heute den Vortritt zu geben. Was soll ich sagen? Ich bin
halt ein Gentleman der alten Schule! Hehehe...
Doch Gentleman hin oder her: mit Jennys Beurteilung des Thailändischen
Wettbewerbsbeitrags INVISIBLE WAVES stimme ich nicht ganz überein. Es stimmt
zwar schon, dass der Film mit sehr gemütlichem Thempo dahinschreitet, aber
schaden tut ihm das nicht. Zugegeben, er bietet dem Publikum nichts
revolutionär Neues, aber seine lakonische Machart, die skurilen, bisweilen
sogar leicht surrealen Ereignisse und die sehr stilisierte Fotographie,
geben dem Film die Wirkung eines liebenswerten Bastardkindes, irgendwo
zwischen den Romanen von Haruki Murakami (aber auch denen Paul Austers und
Franz Kafkas) und den Filmen von Jim Jarmusch und Wong Kar Wai.
Witzigerweise haben mir ? im Gegensatz zu Jenny ? gerade die Sequenzen auf
der Fähre besonders gut gefallen, die, mit Trostlosigkeit aber auch mit
sanfter Ironie durchzogen, den Zerfall der Hauptfigur und dessen Welt
geradezu greifbar machen.
Bei ROAD TO GUANTANAMO stimme ich dafür wieder vollkommen überein mit Jennys
Meinung. Der Film ist erschütternd. Darüber hinaus ist er aber noch etwas
anderes: Er ist wichtig. Michael Winterbottom und seinem Co-Regisseur Mat
Whitecross gelingt es die Zuschauer dieses Doku-Dramas (sprich: mit
Schauspielern rekonstruierte Spielszenen, immer wieder unterbrochen durch
und strukturiert durch Archivmaterial und Interviews) die grausame
Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit der Inhaftierung körperlich spüren zu
lassen. Aber der Film zeigt bewußt nur die eine Seite der Medallie,
beschränkt sich einzig auf die Stimme der ?Tripton-Three?, der drei
britischen Moslems, die ? unschuldig - von den Amerikanern in Afganistan
gefangen genommen und dann ohne Prozess für zweieinhalb Jahre inhaftiert
wurden. Erst 2004 lies man sie - durch Bemühungen der britischen Regierung -
endlich frei. Entsprechend portraitiert der Film die amerikanischen Wächter
und Verhörspezialisten beinahe schon wie Faschisten ? man muss also sehr
vorsichtig sein. Auf der anschließenden Pressekonferenz, betonte
Winterbottom aber wiederholt, dass er nicht die Absicht hätte das
antiamerikanische Feuer weiter zu schüren. Vielmehr wolle er das Bewußtsein
dafür schärfen, in welchem Maße den Menschenrechten in Guantanamo Bay noch
immer zuwidergehandelt wird.
Um meinem Ruf als wettbewerbsgeil entgegenzuarbeiten, habe ich mir am
Nachmittag dann doch mal wieder der Panoramareihe gewidmet: MENINAS ist eine
kluge, sehr feinfühlige kleine Dokumentation über minderjährige Mütter in
den Slums Brasiliens. Ganz ohne bewertendes Erzählkommentar begleitet der
Film vier werdende Mütter ? alle zwischen 13 und 15 Jahre alt ? auf ihrem
Weg von der Schwangerschaft zur Geburt. Bewundernswert ist, wie nah die
Filmemacher ihren Protagonistinnen kommen, deren Perönlichkeiten geschickt
beleuchten und ihnen trotzdem ihre Würde lassen.
Zum Abschluss gab es dann noch Franka Potentes Filmdebut DER DIE TOLLKIRSCHE
AUSGRÄBT. Ich hätte es ja wirklich nicht geglaubt, aber ihre erste Arbeit
hinter der Kamera ist tatsächlich charmant und äußerst kurzweilig geworden.
Letzters natürlich auch wegen der bescheidenen Lauflänge von nur 40 Minuten,
doch das ändert nichts daran, dass der Film darüber hinaus tatsächlich
Qualitäten besitzt. Im Stile eines Stummfilms der zwanziger Jahre des
letzten Jahrhunderts spielt Potente gekonnt mit den Klischees uns
Stilmitteln dieser Zeit und zitiert dabei alle Genres vom Slapstick bis zum
Expressionismus. Ein witziger Clou von DER DIE TOLLKIRSCHE AUSGRÄBT ist,
dass urplötzlich ein Punker aus unserer Zeit in dieser Stummfilmwelt
auftaucht und dort für gehöriges Chaos sorgt. Er ist der einzige, der auch
ohne Texttafeln sprechen kann und bei Bewegungen tatsächliche Geräusche
macht.
Wäre der Film vielleicht zehn Minuten kürzer, wäre er sicherlich ein großer
Hit auf allen Kurzfilmfestivals der nächsten Zeit...
Bis zum nächsten Mal,
Philip
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13. Februar 2006 - Tag 5 der Berlinale
Philip schreibt:
Dieser Tag begann für mich mit einem brutalen Schlag in die Magengrube.
Bildlich gesprochen. Schuld daran ist einer der deutschen
Wettbewerbsbeiträge, DER FREIE WILLE mit Jürgen Vogel und Sabine Timoteo.
DER FREIE WILLE ist die Geschichte von Theo, einem dreifachen Vergewaltiger,
der nach neun Jahren in der geschlossenen Anstalt wieder in die Freiheit
entlassen wird. Dort muss er aber sehr schnell feststellen, dass ihn seine
alten Dämonen noch immer nicht verlassen haben. Seine einzige Hoffnung auf
Erlösung findet er in Nettie, die, 27 Jahre alt, sich gerade erst von ihrem
klammernden Vater lösen konnte und jetzt ebenfalls Probleme hat sich mit
ihrer neugewonnenen Freiheit zu arrangieren.
Man könnte den Film wohl als großartig bezeichnen, würden seine Materie und
die Radikalität seiner Darstellungen es nicht banal erscheinen lassen,
bewertete man den Film auf eine so oberflächliche Weise. Tatsächlich macht
er zu keiner Sekunde Spaß, was vor allen Dingen an seiner expliziten und
drastischen Darstellung von Sexualität und Gewalt liegt, besonders während
der beiden Vergewaltigungszenen die den Film einrahmen. Nichts wird hier
geschnitten und die Kamera ist jedesmal ganz nah dran, um die schmerzhaften,
blutigen und ekelhaften Details einzufangen. Es tut weh zuzusehen, man fühlt
sich selber hilflos und schmutzig. Natürlich stellt sich einem während des
Films die Frage, ob es wirklich notwendig ist so drastische Bilder zu zeigen
? denn das ist es sicherlich nicht. Trotzdem bleibt der Film dieser
Direktheit bis zum Ende treu und irgendwie hat man als Zuschauer dann doch
das unbestimmte Gefühl, dass es Sinn macht all diese Dinge gesehen zu haben.
In der anschließenden Pressekonferenz betonte Regisseur und Autor Matthias
Glasner, dass er mit seinem Film nicht die Absicht hatte zu urteilen, ob
Sexualstraftäter nun heilbar sind oder nicht, sondern erforschen wollte, wie
es für diese und all die von ihnen betroffenen Menschen sei damit zu leben.
Das gelingt ihm auch sehr eindrücklich. Zum einen wegen des Mutes und der
unglaublichen Leistungen seiner Schauspieler, allen voran Jürgen Vogel,
dessen Spiel von einer Intensität ist, die einen geradezu entsetzt. Zum
anderen wegen dem erstaunlichen Drehbuch, das, im wörtlichen Sinne, da
weiter macht, wo andere Filme aufhören würden. Wenn nach knapp
eindreiviertel Stunden Theo und Nettie endlich zusammenkommen und plötzlich
entdecken, dass sie tatsächlich glücklich sein können, kommt der Film
zunächst zu einem Punkt an dem man das Gefühl bekommt, er sei bald vorbei
und führe zu einem versönlichen und somit wirklich unpassenden Ende. Dann
aber läuft der Film weiter und weiter. Wir sehen die beiden in ihrem neuen
Alltag. Sehen erste Probleme und irgendwann sehen wir alles zusammenbrechen.
Und selbst da hört der Film noch nicht auf. Es muss erst noch ein weiterer
Versuch der Rettung unternommen werden, bis der Film nach 163 Minuten
schließlich sein fatales Ende nimmt.
DER FREIE WILLE beeindruckt und quält seine Zuschauer zur selben Zeit und
ist beinahe schon ein sicherer Bärenkandidat. Er ist aber gleichzeitig auch
ein Film, den ich mir bestimmt nie wieder ansehen werde.
Auch lange nach Filmende hatte mich DER FREIE WILLE noch fest im Griff, was
es nicht sonderlich leicht machte mich auf mein direkt anschließendes
Interview mit Christian Ulmen zu ELEMENTARTEILCHEN einzustellen. Immerhin
musste ich nicht wieder quer durch die ganze Stadt reisen, sondern einfach
nur die Straße überqueren, wo das Ritz Carlton Hotel, in dem Constantin Film
seine Zelte aufgeschlagen hatte, bis hoch in den Himmel hinauf thronte. Wie
schon beim Marc Forster Interview im Regent Hotel wurde ich auch hier von
Prunk erschlagen. Es ist mir wirklich kaum vorstellbar, warum es manche
Leute in diese Hotels treibt. Goldene Steckdosen?! Muss das wirklich sein?!
Whatever. Ist halt nicht meine Welt.
Ulmen. Genau. Wieder ein schönes Interview: Nach einer Weile des Wartens
wurde ich zusammen mit zwei Kollegen in ein seperates Zimmer gebracht, wo
sich auch Herr Lehmann bald zu uns gesellte. Dumm nur, dass mir
ELEMENTARTEILCHEN so gar nicht gefallen hatte, das machte es nämlich auf
Dauer schwierig immer neue Fragen zu finden. Gut also, dass ich nicht
alleine war. Wie nicht anders zu erwarten, ist das resultierende Gespräch
sehr sendetauglich und ich bin sicher, dass es schon sehr bald in der
Filmspur zu hören sein wird.
Es folgte V FOR VENDETTA. Mal wieder ein Film auf den ich persönlich sehr
gespannt war, von dem ich allerdings nicht sagen konnte, ob er was taugen
würde. Das Merkwürdige ist, dass ich immer noch kein wirkliches Urteil zu
dem Film habe. V FOR VENDETTA ist die Verfilmung eines Comics (oder besser:
graphic novel) des berühmten Comicautors Alan Moore. Nach FROM HELL und THE
LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLEMEN ist V FOR VENDETTA jetzt sein drittes Buch
das verfilmt wurde. So genial Moores Bücher auch sind, musste man seine
Erwartungen ? selbst als Fan ? doch weit zurückschrauben, denn weder der
erste noch der zweite Film hat es auch nur ansatzweise geschafft den
Vorlagen gerecht zu werden. Bei V FOR VENDETTA ist das anders. Er ist
beinahe eine eins zu eins Adaption des Buches, in dem ein fiktives,
faschistisches Großbritannien von einem maskierten Terroristen zurück zur
Freiheit geführt wird. Tatsächlich funktioniert der Film ? alles in allem ?
überraschend gut. Leider führen die erwähnte Werktreue und eine sich
bisweilen abzeichnende kreative Schüchternheit des Regisseurs zu einigen
(bei Comicverfilmungen vielleicht unvermeidlichen...) Albernheiten.
Selbstverständlich war die darauf folgende Pressekonferenz mit den
Hauptdarstellern Hugo Weaving und Natalie Portman, dem Regisseur James
McTeigue, Produzent Joel Silver und auch John Hurt und Stephen Rea ... nun
ja... ? sehr charmant.
So jetzt muss ich aber ? mal wieder ? schnell los, sonst verpasse ich auch
noch den Schluß der gerade laufenden Pressekonferenz zu STAY mit Ewan
McGregor.
Cheers und bis Morgen,
Euer Philip
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Jenny schreibt
Was sehen meine von der super Kinoklimaanlagenluft entzündeten Augen: Philip hat schon super viel zu DER FREIE WILLE erzählt?deshalb gibt es nur noch von mir Kommentare und Kritik dazu. Zunächst einmal: Jürgen Vogel zählt für mich als großer Kandidat für den Gewinn des Silbernen Bären für den besten Schauspieler. Wahnsinnige Leistung die er da vollbringt. Er versteht es den Vergewaltiger Theo menschlich werden zu lassen, ohne dass der Zuschauer vergisst, was in ihm brodelt. Der Film ist wirklich unwahrscheinlich bedrückend und gut zugleich, was aber nicht nur Philip und ich so empfunden haben, da nach der Vorführung eine bedrückende Starre im Publikum zu spüren war. Kaum Applaus nach dem Film, was aber garantiert nicht am Werk, sondern definitiv am Thema lag. Im Gegensatz zu Philip glaube ich, dass die dann doch streckenweise recht brutalen und ehrlichen Szenen, in denen sehr viel Körper und auch deren Teile gezeigt wurden, ziemlich wichtig sind für den Film, da die drückende, kaum auszuhaltende Stimmung erst dadurch zu 100 Prozent in den Zuschauer fließt. Dabei geht der Regisseur Matthias Glasner auch sehr behutsam mit der Auswahl und Positionierung solcher Darstellungen um. Die Länge des Films scheint zunächst abzuschrecken. 163 Minuten ist natürlich schon eine Nummer. Ich hab mich auch den ganzen Mittag gefragt, ob es wirklich nötig ist, so detailreich zu sein, was auch die Zeitspanne angeht, die der Film beleuchtet. Aber ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass er genau das muss um die Gefühle und Ausweglosigkeit zu transportieren. Fazit: Großartiger Film, Bärenfavorit und 5 Jenny-Sternchen.
Während Philip dann zum Ulmen-Interview jückelte, habe ich mir den zweiten Wettbewerbsfilm des heutigen Tages angeschaut. EL CUSTODIO (Der Schatten) vom argentinischen Regisseur Rodrigo Moreno, der für seinen letzten Film mehrer Festivalauszeichnungen bekommen hat. Das mag daran gelegen haben, dass der Film eine Komödie war, denn sein aktueller Film ist schrecklich und hat meines Erachtens hier auf der Berlinale so gar keine Chance. Es geht im Film um den Leibwächter Ruben, der für die Sicherheit eines Politikers zuständig ist. Aha denkt Ihr?so was wie BODYGUARD nur anders herum. Tja. Falsch gedacht. Wir begleiten Ruben einfach nur durch die absolute Einöde seiner Arbeit und erleben mit ihm endlose Minuten des Wartens (im Auto, im Foyer von Hotels, vor irgendwelchen Türen etc.). Herr der Himmels, ich warte jeden Tag schon unfreiwillig (auf die Bahn, auf den Filmanfang, am Ticketschalter, vor den Pressekonferenzen?), da muss ich mir das nicht auch noch angucken. Zugegeben, das Ende ist ganz interessant und überraschend, aber das macht es auch nicht mehr wett. Da auch erstmalig eine Kritik an die Wettbewerbsorganisatoren für die Filmplazierung. Wie konntet Ihr einen solch zähen Film direkt hinter DER FREIE WILLE zeigen. Zwei Filme, die sich an Dynamik ja fast übertreffen, wobei der eine grandios und der andere dadurch nur noch langweilig ist. Sonst macht ihr ja Eure Arbeit ganz gut, aber heute?das war nix.
Zu V FOR VINDETTA werde ich wenige Worte verlieren (da ist Philip mehr der Experte, ich kenn das Comic so gar nicht). Nur vielleicht eins: Ich war unglaublich glücklich, dass ich mit dem Film für heute geendet habe?endlich Action, Special Effekts und schnelle Schnitte.
Berliner Bärengruß
Eure Jenny
PS: Eins muss ich noch erzählen. Da ich heute zwei Mal hinter der Jury saß, ist es mir wieder besonders aufgefallen. Während im letzten Jahr die Jury ziemlich schillernd daherkam (mit Roland Emmerich, Franka Potente oder z.B. der extravaganten Bai Ling), ist sie in diesem Jahr eher unscheinbar. Nur Jury-Präsidentin Charlotte Rampling versucht aus der Gruppe auszubrechen und läuft in die Kinosäle immer mit ner Sonnenbrille a la Puck die Stubenfliege (weil hier einen die gleißende Sonne so quält). Sorry, aber für so was hab ich echt kein Verständnis. Nähe zum normalen Fußvolk bittschön?es reicht ja schon, dass Ihr im Berlinale Palast trinken dürft und wir nicht?
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12. Februar 2006 - Tag 4 der Berlinale
Jenny schreibt:
In dem Wettbewerbsfilm SLUMMING von dem wir Euch vorgestern erzählt haben, brüllt ein österreichischer Penner immer ?Faaaahrscheine?.Fahrscheine bitte??. Dieser Ausruf könnte demnächst zum Markenzeichen von Berlin werden. Seit 4 Tagen fahre ich hier nun mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und bin schon fünf Mal kontrolliert worden. Dabei fahr ich nur vier Stationen. Was ist denn das für eine Stadt? Sind hier etwa alle Studenten dem eigentlich kölschen Aufruf: ?Studieren und Kontrollieren? gefolgt? Das ist doch unnormal. Und die Leute müsstet Ihr sehen. Schaut schon total mega-konditioniert aus, wie hier alle mechanisch die Taschen öffnen und brav Ihre Ausweise vorzeigen. Da merkt man dann noch ein wenig die Geschichte der Stadt (ups..das war böse ich weiß, aber wisst Ihr eigentlich was das heißt, im Winter mit zig Klamotten, da Zwiebel-look, ständig den Fahrschein aus der tiefsten Hosentasche zu kramen, der extra dort von mir platziert worden ist, da die Angst vor Taschendieben hier auch besonders geschürt wird???). Das zur Anekdote des heutigen Tages. Schnell weiter: Endlich war heute der Film dran, auf den ich mich schon mehr als gefreut hatte. A PRAIRIE HOME COMPAGNION. Als oller Country-Musik Fan und Radio-Liebhaber (wer hätte das gedacht) konnte der eigentlich nur gut für mich werden. Der Film von Regiealtmeister Robert Altman handelt von der letzten Vorstellung einer legendären Live-Radioshow in den USA (Die Show gab es wirklich, mit genau dem Namen), die nach 30 Jahren eingestellt wird. Dabei stehen nicht nur kleine Geschichten der Ensemblemitglieder, sondern vor allen Dingen auch die Musik im Vordergrund. Die spiegelt wunderschön die Stimmung der einzelnen Geschehnisse hinter den Kulissen wieder und präsentiert sich in Ihrer Country-Bandbreite dem entsprechend von lustig bis herzzerreißend. Die Darstellerriege kann sich auch sehen lassen. Neben Meryl Streep brilliert Kevin Kline wieder einmal mit einem komödiantisch-seriösen Auftritt und auch Woody Harrelson und John C. Reilly bieten herrliche Momente als die zwei singenden Cowboys Dusty und Lefty. Der Film bekommt von mir definitiv 4 Jenny-Sternchen (von zu vergebenen 5).
Danach habe ich mich dann in die Sektion ?Perspektive Deutsches Kino? gewagt, was vor allem den Vorteil hat, dass nicht jeder Miniplatz im Kino besetzt ist. Diese schon verschütt gegangen geglaubte Armfreiheit kann Wunder bewirken. Zu sehen gab es den Dokumentarfilm KATHARINA BULLIN-UND ICH DACHTE ICH WÄR DIE GRÖßTE von Marcus Welsch. Der Titel sagt eigentlich schon fast alles. Es geht um die Erlebnisse der DDR-Volleyballspielerin Katharina Bullin und die Dopingmachenschaften der DDR, die sie quasi zum Krüppel gemacht haben. Nichts Neues, es gibt auch einige grobe Filmschnitte zu verzeichnen, aber alles in allem sehr aufschlussreich.
Danach ging es leider mit der Qualität der Filme bergab und das obwohl ich mir zwei Filme aus der Sektion ?Panorama? angeschaut habe. Ok?der Erste war nicht wirklich schlimm. Das war ein Film aus Singapur mit dem Namen 4:30. Bedeutet dabei 4 Uhr 30 Morgens. Der Film kommt fast komplett ohne Dialoge aus, da er aus der Sicht eines Jungen gedreht ist, der mit einem koreanischen 30-jährigen Mann zusammen wohnt, die sich aber beide nicht verstehen (also sprachmäßig?Ihr wisst schon). Der Film soll die Einsamkeit des Jungen und damit stellvertretend für viele Kinder in Singapur sein, die sehr früh von ihren Eltern allein gelassen werden und somit dann auf sich selbst gestellt sind. Der Schauspieler, der den Jungen spielt, ist einfach unglaublich talentiert. Die Emotionen sind ihm so ehrlich ins Gesicht geschrieben, da kann sich manch erwachsener Schauspieler wirklich eine Scheibe von abschneiden. Allein deshalb hat sich der Film dann doch gelohnt. Wahrscheinlich hadere ich aber deshalb so mit den Panorama-Filmen des heutigen Tages, weil der letzte Film mich einfach so wahnsinnig aufgeregt hat. In dem französischen Film CAMPING SAUVAGE wird die Romeo und Julia Geschichte mal so ganz schrecklich erzählt. Die 17-jährige Camille (also Julia) ist das Mega-Mädel für Jung und Alt auf einem Camping Platz irgendwo in Frankreich. Als Blaise (also Romeo), ein schon recht älterer und kriminell aussehender Mann, auf die Ferienanlage kommt, unterstellen ihm prompt alle männlichen und später auch eigentlich alle anderen, dass er ein Auge auf Camille geworfen hätte. Dabei ist es eher anderes herum. Camille verfolgt Blaise. Wie auch immer. Es kommt, wie es bei Romeo und Julia immer kommen muss. Camille und Blaise finden förmlich durch die Unterstellungen zueinander, rennen gemeinsam weg, ihr Weg ist aussichtslos und später bringt Blaise Camille um. Das richtig ärgerliche am Film: In auch nur keiner Minute kann man erkennen, dass Blaise das Mädel überhaupt liebt. Im Gegenteil. Es kommt eher so rüber, als ob er nur sexuelle Gelüste hat, was dann überhaupt nicht zum Ende passt. Da hat er auf einmal extreme Probleme Camille zu erschießen. Zudem wollten sie zusammen in den Tod gehen, was ihm dann auch nicht gelingt?Gekünstelte Emotionen auf höchster Ebene. Einfach schrecklich. Ich hab mir noch überlegt, ob ich mir den Film überhaupt noch antun soll (Startzeit 22.30 Uhr), habe es aber leider doch getan und bekomm jetzt leider nur 5 Stunden Schlaf.
Naja..hinterher ist man immer schlauer?
| - | schonfastschlafend- |
Gähn
Eure Jenny
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11. Februar 2006 - Tag 3 der Berlinale
Jenny schreibt:
Bei sportlichen Aktivitäten sagt man ja immer, dass der dritte Tag immer der anstrengendste ist. Um das bei unserem Kinosport zu vermeiden hab ich heute mehr Abwechslung in meinen Tagesablauf gebracht. Dabei rausgekommen sind zwei Filme kombiniert mit zwei Pressekonferenzen und als Höhepunkt die Verleihung des Berlin Today Awards. Aber der Reihe nach. Angefangen haben Philip und ich heute mit A NEW WORLD. Das ist der Film auf den sich Philip schon seit drei Tagen dauerfreut und es hat sich bewahrheitet. Während ich mich nach der Pressekonferenz gestern unsterblich in Georg Clooney verliebt habe (naja und vielleicht August Diehl und ?und?und?) hat Philip heute Morgen sein Herz an ???? verloren. Aber nicht nur wegen ihr wird Philip den Film wohl bis ins kleinste Detail beschreiben, ihr hättet mal seine Augen sehen sollen : -). Wie auch immer. Ein sehr, sehr guter Film, auch wenn mir an manchen Stellen die narrative, rote Linie fehlte. Und noch eine kleine Bemerkung dazu. Colin Farell spielt wieder seine Paraderolle: Während des gesamten Films zeigt er seinen Dackelaugenblick in all seinen Variationen und sagt kaum ein Wort (schmacht). Ein Film für Mädels und für Jungs.
Der zweite Wettbewerbsfilm war dann der Pressemagnet des heutigen Tages, weil aus deutschen Landen. ELEMENTARTEILCHEN von Oskar Röder mit dem deutschen All-Star Team (wie der PK-Mensch sie nannte): Christian Ulmen, Moritz Bleibtreu, Nina Hoss, ????, und Franka Potente. Alle zusammen in einem Film. Das Aufgebot des Films ist ordentlich, jedoch ist der Film sehr klassisch aufgebaut und hat es nur seiner Vorlage (das Buch des Franzosen) zu verdanken, dass er nicht wie eine ZDF Eigenproduktion wirkt. Für den Otto-Normal-Kinogänger und Franka-, Moritz- und Christian-Liebhaber ist er aber garantiert was und da jeder Kinogänger in Deutschland mindestens einen Darsteller davon gut findetWobei dieser Film wirklich wieder einmal beweist, dass Franka Potente immer wieder nur ihren Einheitsblick (müde, gelangweilt) drauf hat und hey?sie ist nicht Colin Farell, der hat wenigstens noch Magie. Der darf das.
Nach der Pressekonferenz dieses deutschen Werkes, habe ich mir noch die PK zum goldenen ?Ehrenbären? angeschaut. Ian ?Gandalf? Knightley zeigte sich von seiner besten British-Humor Seite und brachte Schwung in die fragenden Journalisten. Dabei ging er vor allen Dingen mit seiner Homosexualität genauso erfrischend um, wie mit seinen Zukunftsplänen. Ausschnitte der Pressekonferenz gibt es in eine der nächsten Filmspur-Sendungen. Er ist einfach zu witzig um ihn Euch vorzuenthalten.
Danach ging es für mich ab zur Verleihung des BERLIN TODAY AWARDS, dem Nachwuchspreis für die jungen Filmemacher des Berlinale Talent Campus. Nach der Vorführung der drei nominierten Kurzfilme zum Thema Berlin wurde die Gewinnerin bekannt gegeben, ist Anna Azevedo aus Brasilien. Anna?s Beitrag ist ein 17 Minuten langer Dokumentarfilm über die Sehnsucht brasilianischer Kinder irgendwann einmal Profifußballer zu werden. Berlinbezug bekommt der Film durch die Verbindung mit dem Profifußballer Marcelinho, der für Hertha BSC spielt und der Held seiner Heimatdorfjungkicker ist. Der Film hat zu Recht gewonnen. Mehr dazu erfahrt Ihr in der nächsten Filmspur. Danach ging es noch gemütlich rund auf der Award Party mit Bierchen und Curry?rundherum also eine gelungene Veranstaltung. Als Student schenkt man einem Freibier mehr als nur ein Lächeln.
Beschwipste Grüße aus dem Haus der Kulturen der Welt.
Eure Jenny
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10. Februar 2006 - Tag 2 der Berlinale
Jenny schreibt:
?Ich habe George Clooney gesehen, ihn fast anfassen können und er hat mir zugelächelt?
Das Doping geht also weiter?
Dazu aber später mehr. Nun zu einem wirklich ernsthaften Thema:
Es schneit in Berlin. Nicht dass das jetzt etwas Außergewöhnliches ist (vor allen Dingen so für gesamt Deutschland im Moment), aber es hat schon was besonderes, wenn Stars über einen Roten Teppich schreiten und die Flocken wirbeln um sie rum. Dazu noch diese mollig-warmen Cocktailkleider..brrrrr? (Sigourney Weaver war da gestern ganz weit vorne, siehe Bilder in einschlägigen Zeitungen). Wahrscheinlich werden die auch nie krank oder haben ihren Personal Doctor direkt mit. Nicht so unsere Kollegen neben uns in der Kinoreihe. Da wird geschnauft und gehustet, was das Zeug hält. Nicht das mich das jetzt rein soundmäßig stören würde (schließlich waren Diane und ich im letzten Jahr hier die Erkältungskönige), es ist nur so?.Ich hab Angst?ich will nicht wieder krank werden?nicht jetzt. Denn: Der Wettbewerb sowie die Panorama-Reihe scheint besser zu sein als im letzten Jahr. Für Morgen kauf ich mir einen Mundschutz.
Bevor ich mich hier aber verlaber, ich wollte Euch ja eigentlich von meinen Filmen heute erzählen. Der erste Film heute Morgen war gleichzeitig der erste, den wir uns im Berlinale Palast angeschaut haben. Die Jury lief auch irgendwann ein und somit war für die richtige Stimmung gesorgt. Und das um 9 Uhr morgens. Es lief EN SOAP, ein dänischer Film über eine gediegene Beziehung zwischen der frisch getrennten und sexfreudigen Charlotte und der Transsexuellen Veronica, die aufgrund von Charlottes Einzug nun übereinander wohnen. Neben der feinfühligen Art die Charaktere und deren Probleme zu veranschaulichen, kommt der Film zudem mit wenigen Mitteln aus. Er braucht weder eine pompöse Kulisse, noch viele Schauspieler. Wenn man es so sieht, sind eigentlich nur vier Leute an der Geschichte beteiligt. Ein wirklich sehenswerter Film, der auf Dialoge, Gestik und Mimik setzt und dem Zuschauer die gefürchtete: FürWelcheWegrichtungEntscheideIchMichInMeinemLeben Frage! Bei dem Film kann ich mir nur wünschen, dass er einen deutschen Verleih findet und in die Kinos kommt.
Als nächstes kam für mich SYRIANA, gewitzte Kinogänger wissen, dass das der neue Film mit George Clooney, Matt Damon und von Regisseur Stephan Gaghan (bekannt als Drehbuchautor von Traffic) ist. Bei SYRIANA handelt es sich um einen Politikthriller, der hinter die Kulissen des globalen Ölgeschäfts blickt. Super spannend, genial gemacht, schon so ein wenig TRAFFIC-like, aber vor allen Dingen auch anstrengend für den Zuschauer, durch zig verschiedene Handlungsstränge mit drei unterschiedlichen Sprachebenen (Englisch, Urdu und Farsi). Auf der Pressekonferenz sagte Stephan Gaghan sogar noch, dass sie einen weiteren Handlungsstrang rausgenommen haben, damit es überhaupt noch übersichtlich bleibt (?Thanks Stephan?). Georgie war in der Konferenz natürlich ganz Mr. Charming und riss die Menge mit sich, naja?hauptsächlich die weibliche Menge. Dass nicht ?George ich will ein Kind von Dir? Plakate ausgerollt wurden war echt alles. Eine blöde Journalistin hat tatsächlich eine der rar gesäten Fragen versaut, indem sie Clooney offeriert hat ihm später die Stadt zu zeigen. Also die Frau hatte so gar keine Schmerzgrenze.
Oh ich sehe schon, ich werde gerade ein bisschen lang mit meinem Eintrag hier..Ganz schnell noch. Mein letzter Film des heutigen Tages war SLUMMING mit August Diehl (wieder was zum gucken, Frau wird hier echt verwöhnt). Eine sehr kreative, schwarze Geschichte über zwei Yuppies, die zum schmunzeln einlädt und schöne Situationskomik zu bieten hat. Der Film ist sogar eine Kooperation folgender Länder: Österreich und Schweiz. Kaum zu glauben, aber das funktioniert wirklich :-))
So?nachdem ich nun auch dieses Klischee abgearbeitet habe, mach ich nu Schluss für heute. Morgen sitzen wir schließlich um 9 Uhr schon wieder im Kino.
Guts Nächtle und träumt schön (ich weiß schon von wem ich träumen werde, ihr auch?)
Eure Jenny
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09. Februar 2006 - Tag 1 der Berlinale
Philip schreibt:
Nachdem der Mittwoch größtenteils mit Vorbereitung und Organisation
verbracht wurde, haben wir heute den ersten offiziellen Festivaltag hinter
uns gebracht. Und ich muss sagen: ich bin sehr froh, dass ich bereits zwei
Tage Vorlaufzeit hier in Berlin hatte. Während Jenny ja bereits zum dritten
Mal hier ist, war ich bis heute noch eine Berlinale-Jungfrau und als Neuling
hat man es hier nicht leicht. Das Festival ist über unzählige Spielstätten
verteilt, manche Vorführungen darf man (sofern man von der Presse ist) ohne
sich vorher anzumelden besuchen, für andere müssen die Tickets bereits am
Vortag erstanden werden und wieder andere sind für Journalisten ganz tabu.
Außerdem gibt es noch Seminare die besucht werden wollen (etwa im
Talent-Campus), Vorträge, Cocktail-Empfänge (ach, eine leidige
Pflichtveranstaltung, ich geb es ja zu...), alle Tage wieder mag man
vielleicht auch mal was essen, es gibt die täglichen Pressekonferenzen und
auch Einzelinterviews wollen vereinbart werden. Approppos Interviews: Jenny
und ich inzwischen schon einige Termine mit duchaus interessanten
Persönlichkeiten vereinbart - mein Telefon war heute jedenfalls
dauerbesetzt. Wen genau wir in den nächsten Tagen vor das Mikro zerren
werden, sei an dieser Stelle aber noch nicht verraten. Man will ja
schließlich die Spannung bewahren.
Hab ich eigentlich schon die Programmvielfalt erwähnt? Ich weiß leider
gerade keine genauen Zahlen, aber in den nächsten zehn Tagen laufen so viele
Filme, dass selbst wenn man es wollte, man nur den allerkleinsten Teil des
Angebots tatsächlich wird wahrnehmen können. Das Programm ist wirklich
überwältigend. Neue und alte Filme, natürlich die Wettbewerbsbeiträge, aber
auch Filme, die unter anderen Kategorien laufen. Amerikanische Filme,
deutsche Filme, franösische, italienische, spanische, arabische,
israelische, asiatische Filme. Und und und...
Heute habe ich immerhin schon mal geschafft drei davon zu sehen. Los ging es
am frühen Morgen mit dem ersten Screening des diesjährigen Eröffnungsfilms
SNOW CAKE. Grob zusammengefasst handelt der kanadische Film von der
Begegnung eines sehr in sich zurückgezogenen Mannes mit einer tatsächlichen
Autistin. Die Geschichte ist alles in allem sehr schön - nein, bewegend -
und atmosphärisch insziniert (zu erwähnen sei hier, dass Broken Social Szene
den Soundtrack komponiert haben) und lebt mehr als alles andere von seinen
brillianten Schauspielern: Alan Rickman und Sigourney Weaver (die heute
übrigens beide über den roten Teppich schlurfen durften...). Leider ist es
bisweilen mit Regisseur Marc Evans durchgegangen, was dazu führte, dass die
ein oder andere unverzeihliche Kitschszene das Gesamtbild des Films trüben.
Trotzdem: ein schöner Eröffnungsfilm aber sicherlich nicht der beste Film,
den es auf diesem Festival zu sehen geben wird.
Mein zweiter Film des heutigen Tages kam aus Deutschland: MORGEN KOMMEN DIE
FENSTER. Der Titel mag zwar interessant klingen, der Film ist es leider
nicht. Es geht nämlich mal wieder um gescheiterte Beziehungen und die
Unfähigkeit zur Kommunikation. Der Film gibt sich dabei genauso schroff und
spröde, wie schon so viele andere deutsche Filme der letzten Zeit. Schade um
die schöne Zeit.
Film numero drei war dafür schon wieder viel interessanter. BROTHERS OF THE
HEAD ist die erste fiktionale Arbeit der beiden Filmemacher Keith Fulton und
Louis Pepe, die man bisher vor allem für ihre brillante Un-Making-Of
Dokumentation LOST IN LA MANCHA, über Terry Gilliams gescheitere Don
Quichotte-Verfilmung, kennen dürfte. Zwar kommt auch BROTHERS OF THE HEAD
wie eine Dokumentation daher, erzählt aber schlicht mit den Stilmitteln
dieses Genres die frei erfundene Geschichte eines siamesischen Brüderpaares
(keines aus Siam, sondern eines von denen, die einfach nicht voneinander
loskommen...), das in der Welt des britischen Punkrock für Forure sorgte.
Mockumentary nennt man sowas. Durchaus sehenswert.
So, das soll es für heute von mir erstmal gewesen sein. Freut euch zusammen
mit mir auf die nächsten Tage & Filme. Wenn ihr irgendwelche Fragen habt,
dann zögert nicht sie an Filmspru@Koelncampus.com zu schicken.
Good Night & Good Luck,
Philip
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Jenny schreibt:
Berlin ist wieder in Festivallaune und der Potsdamer Platz zeigt sich von seiner besten Seite: Geschmückt ist er mit Lämpchen aller Art, bestückt mit zig Filmplakat-Aufstellern und auch der rote Teppich ist schon ausgerollt. Das Hyatt-Hotel, das für uns ab heute zur zweiten Heimat werden wird, da dort alle Presseveranstaltungen stattfinden, glänzt von der einen Seite des Platzes und auf der anderen Seite strahlt das umgemodelte Musical-Theater, das für die nächsten zehn Tage wieder zum edlen Berlinale Palast wird. Überall herrscht aufgeregtes Treiben?es ist einfach in der Luft: Endlich geht es wieder los!!!
Nachdem Philip und ich gestern eine Art Orientierungstraining absolviert haben (bestehend aus: Berlinale-Ausweis abholen, erstes Interview führen und Berlinale-Tasche ergattern ? mit der dann übrigens jeder Filmsüchtige hier rumläuft ? hat was von Mega-Gemeinschaftsgefühl), haben wir uns heute in die erste Filmschlacht geschmissen. Angefangen haben wir mit SNOW CAKE, dem Eröffnungsfilm mit Sigourney Weaver und Alan Rickman. Den Inhalt erzählt hoffentlich Philip - in seinem Teil des Tagebuchs. Mir hat der Film auf jeden Fall sehr, sehr gut gefallen, wenn auch die Schauspielkunst von Weaver streckenweise zu unecht rüber kam. Trotz ein paar kleiner Schwächen ein wirklich schöner Eröffnungsfilm, bei dem die Augen feucht werden?vom Lachen und Weinen gleichermaßen. Der zweite Film war ein deutscher Film.
Toll dachte ich vorher, vor allen Dingen, weil ich im letzten Jahr auf der Berlinale die deutschen Filme wirklich zu schätzen weiß. Nach den ersten 5 Minuten des spröden Werkes dachte ich?naja?nach 10 Minuten oje und nach 20 Minuten war ich zum ersten Mal eingeschlafen. Endlos lange Sequenzen ohne Inhalt, geschweige denn Bilder brachten mir ein gehöriges Deja-Vu ein. Ich sage nur DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER, dieser schreckliche Wettbewerbsfilm der Berlinale 04. Wenn Ihr da noch mal nachlest, wisst Ihr was ich von diesem Film halte.
Der dritte und letzte Film des heutigen Tages (am ersten Tag laufen noch nicht so viele Filme, da alles sich auf die Berlinale-Eröffnung am Abend konzentriert) war: BROTHERS OF THE HEAD von Keith Fulton und Louis Peper. Läuft hier in der Panorama Sektion. Der Film ist eine Mockumentary über Siamesische Zwillinge, die in den 70ern für eine kurze Zeit das Leben einer Punk-Rock Band erleben dürfen. Nette Geschichte, allerdings hätte es dem Film auch gut getan, wenn er 30 Minuten kürzer gewesen wäre, da die Innenansichten der Zwillinge eh nicht beleuchtet wurden und somit der Film viele dramaturgische Wiederholungen aufzuweisen hat. Davon abgesehen aber ein durchaus sehbarer kleiner Film, der absolut in die Panorama Reihe reinpasst?.
Glücklich bin ich danach wieder zu meiner Unterkunft gewankt. Zehn Tage liegen vor mir?oh was red ich, nur noch neun Tage, die von einem Film- und Interviewmarathon dominiert werden und die mir eine gewisse Form von Realtitätsverlust bescheren werden. Kann es was schöneres geben? Nein.
Das ist besser als jede Droge und darf einem auch mal einen verklärten Gesichtsausdruck bescheren.
Beste ?verstrahlte? Grüße von der Bären-Stadt.
Eure Jenny

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